Umwelthaus Nachrichten - Nr. 4/97, Seite 1

Die Wüste lebt

Wildnis südwestlich von Oldenburg

Endlose braune Weite soweit das Auge reicht, nur in ganz weiter Ferne am Horizont die Silhouetten von Bäumen und einigen Gebäuden. In der flirrenden Hitze des Sommertages dringt kaum ein Geräusch an das Ohr des atemlos Lauschenden. Der ständig wehende Wind bringt etwas Kühlung, aber erträglich ist die Hitze nur im Schatten, den die aufgestapelten Torfsoden spenden - viel ist es nicht. Keine Straße durchschneidet diese Landschaft, nur ein breiter Sandweg, der sich in der Sommertrockenheit in eine Sandlache verwandelt hat (für den Radfahrer nicht die reine Freude). Im Frühjahr war der Weg nach ausgiebigen Niederschlägen nur mit einem geländegängigen Fahrzeug passierbar.

Wir befinden uns nicht etwa irgendwo auf dem amerikanischen Kontinent oder im "wilden Osten", sondern nur 15 Kilometer südwestlich von Oldenburg, im Vehnemoor. Seit 60 Jahren wird dieses Gebiet industriell abgetorft. Eine "Mondlandschaft" haben die Abtorfmaschinen hier zurückgelassen, eine leblose Wüste, meinen einige. Doch der erste Blick täuscht, wie so oft.

Ein frischer Märzmorgen, kurz nach Frühlingsanfang:

Der melancholisch klingende , an- und abschwellende Ruf des Großen Brachvogels ertönt von irgendwoher. Er paßt so gut zu der Weite und Einförmigkeit dieser Landschaft. Der Brachvogel besiedelt die Randbereiche des Vehnemoores, wo die Torfwerksflächen, die noch nie eine landwirtschaftliche Nutzung gesehen haben, in die Hochmoorweiden der Kolonate übergehen. (In den letzten Jahren sind hier auch zunehmend Maisäcker angelegt worden.) Hier brüten noch wenige Paare der großen Vögel mit den gebogenen Schnäbeln.

Ein Julimorgen, am Rande des Vehnemoores:

Diese Fläche ist nach der Abtorfung sich selbst überlassen worden. Sie ist besonders schwer zugänglich, niemand verirrt sich so schnell in diese Einsamkeit. Eine Blänke hat sich gebildet, wo das Wasser in einer Senke stehengeblieben ist. Da eine mehrere Dezimeter dicke Auflage von Schwarztorf eine natürliche Abdichtung gegen den durchlässigen Sanduntergrund bildet, hat das Moor seinen eigenen Wasserhaushalt. Das kleine Feuchtgebiet hat ein Paar Rotschenkel angelockt, kleine Watvögel mit roten Schnäbeln und Beinen. An dieser abgelegenen Stelle können sie in Ruhe ihre Jungen großziehen. Ein Stückchen weiter hat sich sich ein Paar Kiebitze niedergelassen, eine gute Gesellschaft für den zierlichen Rotschenkel, weil der kräftigere Kiebitz furchtlos jede Krähe und jeden Greifvogel angreift, der sich in sein Revier wagt.

In der Nähe stehen Schilder, die auf ein angrenzendes kleines Schutzgebiet verweisen. Dieses Gebiet ist dicht bewachsen. Heidekraut und Pfeifengras, dazwischen Wollgräser und die seltene Moosbeere; aber auch einige junge Birken haben sich schon angesiedelt: Das Moor ist recht trocken hier. Das Entwässerungssystem für die angrenzenden landwirtschaftlich genutzten Flächen wirkt in die Fläche des Schutzgebietes hinein. Nur in Senken und Gräben ist es noch "moortypisch" feucht. Trotzdem ist das Gebiet ein Refugium für Arten, die anderswo fast kaum noch zu finden sind. Der Moorbläuling, eine Tagfalterart, kommt hier vor. Und eine Vielzahl von Libellen, einige unscheinbar grünbraun, einige bläulich schillernd, eine sogar leuchtend rot gefärbt. Eidechsen sonnen sich auf einem Holzstubben, Relikte aus grauer Vorzeit, kleine Saurierverwandte - und der Holzstubben? Wer weiß, wie lange der schon hier gelegen hat, eingebettet im Torf? Das Moor konserviert nämlich Gegenstände, aber wer konserviert das Moor?

tog


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