Oldenburger STACHEL Ausgabe 6/98     Seite 3
 
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Perspektivische Verzerrung

Es scheint etwas dran zu sein an dem Gerücht, daß die Allergien in Deutschland zunehmen. Mich hat es auch erwischt, ich habe mir eine Politikerallergie eingefangen.

Wie ich darauf komme? Auf der letzten Ratssitzung, die diesmal bis nach Mitternacht dauerte, hat es mich ordentlich gezwickt und gebissen. Und wie jemand, den der Heuschnupfen plagt, ständig niest und schnaubt, verspüre ich den zwanghaften Reiz, ätzende Kommentare abzulassen. Wie bei einer Pollenallergie versteht es sich dabei von selbst, daß meine Allergie sich nicht auf alle Arten von Politikern bezieht, sondern auf bestimmte. Aber auf welche? Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen.

Mal denke ich, es ist die CDU, die mich zu heftigen Schimpfkanonaden reizt, dann wieder ist es die SPD, die mich so peinigt, daß ich am liebsten aus der Haut fahren möchte. Den Grünen bin ich auch nicht immer so grün, und die "Sozialisten" haben anscheinend die gleichen Symptome wie ich. Gibt es etwa auch Politiker mit einer Politikerallergie oder ist das eine wissenschaftlich noch nicht erforschte Spielart des Masochismus, bei der man sich Menschen aussetzen muß, die man eigentlich nicht ab kann? Nur die Liberalen scheinen eine tolerante Spezies zu sein, mit denen eine friedliche Koexistenz möglich ist.

Aber eins ist klar: Auch Politiker sind nicht frei von Allergien. Die SPD in Oldenburg hat z.B. eine Poeschel-Allergie im Endstadium; bei den Grünen zeigen sich auch schon erste Symptome. Ist das etwa ansteckend? Dann sind die Grünen vielleicht zu oft mit der SPD zusammengewesen. Vielleicht handelt es sich bei der Poeschel-Allergie aber auch um eine neue Spielart der altbekannten CDU-Allergie, die die SPD ja schon lange plagt. Am ausgeprägtesten ist die Poeschel-Allergie bei SPD-Fraktionschef Gerd Knake und sie scheint sich neuerdings auch auf Teile der Umweltverwaltung zu beziehen.

Das wiederum kann allerdings auch ein neuartiges Umweltsyndrom sein, wie es bei Teilen der Landes-SPD und der Wirtschaft schon länger zu beobachten ist. (Ein Syndrom ist alles, was man noch nicht genau erklären kann.) Dabei liegt eine partielle Trübung des Urteilsvermögens vor, eine groteske Verzerrung der Perspektive, bei der Probleme der Wirtschaft übergroß wahrgenommen werden, während negative Veränderungen der Umwelt gleichzeitig ganz weit entfernt erscheinen. Bei all diesen rätselhaften Erkrankungen handelt es sich nach Expertenmeinung um Zivilisationserscheinungen, bedingt durch unsere geistige Distanz zu den natürlichen Grundlagen des Lebens. Ein zivilisatorischer Niedergang der politischen Kultur scheint dabei mit bestimmten krisenhaften Symptomen der Wirtschaft einher zu gehen, die bei Politikern Ohnmachtsgefühle auslösen, das Immunsystem aushöhlen und so den oben beschriebenen Allergien Vorschub leisten.

Doch der Politiker als solcher ist nicht schlecht. Nein, die Wurzel allen Übels ist die Bürokratie, die alles Leben erstikkende, den notwendigen Kreislauf des Geldes behindernde Bürokratie, die aus der Gesetzesflut, welche die Politiker beschlossen, ein undurchdringliches Dickicht von Paragraphen wachsen ließ, das unsere Gesellschaft nun mehr und mehr überwuchert und jede Initiative lähmt oder erlahmen läßt.

Wer gibt unseren Politikern endlich die Buschmesser, mit denen sie die grüne Wand, die sich undurchdringlich vor ihnen auftürmt, zurückstutzen dürfen?

Ich werde es nicht tun!

Denn: Wer garantiert mir, daß sie auch wissen, wo sie aufhören müssen? Und überhaupt – wo ist mein Anti-Allergikum? Es geht schon wieder los!

tog


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