Oldenburger STACHEL Ausgabe 6/98     Seite 6
 
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Nix hoch 4

68 und kein Stück leise

Ein Gefühl der Dankbarkeit in mir: Ich bin wieder ausgeschlafen und habe was warmes im Bauch. Der Reihe nach:

Am Donnerstag, 19.3. höre ich: Der Castor kommt schon am Freitag! Ich bin Perplex - mein Zeitplan war anders eingerichtet. Aber mein Rucksack steht gepackt da, und los geht's nach Ahaus.

Bei Ahaus sind schon viele Leute mit Rucksack, Isomatte, etc.; es ist inzwischen dunkel, und manchmal regnet es. Man erkennt sofort die zugereisten Demonstranten. Wir fragen uns durch: Es gibt 8 Camps, von unserem aus kann man die riesige, beleuchtete Castorhalle sehen. Im Camp sind viele große Gemeinschaftsschlafzelte und die vielen kleinen Privatzelte; auch ein hübsches, großes Zirkuszelt - wo die BI "Kein Atommüll in Ahaus e.V." das wohl aufgetrieben hat? Ein Infozelt ist da und genügend mobile Klos. In einem winzigen Campingwagen treffen wir auf Oldenburger Freunde und Freundinnen, alle vollauf beschäftigt.

Ich denke an meine defekte Wirbelsäule: Seit 1979 suchen mich unregelmäßig Bandscheibenvorfälle heim, aber was soll ich tun? Was ist wichtiger: Der Anti-Atom-Einsatz oder eine einzelne Wirbelsäule?

Inzwischen weiß ja die ganze Nation, daß der Castor früher kommen wird. Es ist natürlich viel Leben im Camp: Der Generator dröhnt, die Neuankommenden gucken ins Zelt auf der Suche nach Schlafplätzen, draußen Leben und Bewegung, und immer wieder mal der Hubschrauber mit gleißenden Scheinwerfen über uns: Mal gucken, was da los ist.

Basisdemokratie

Um 5 dröhnt der Lautsprecher: "Bitte alle Sprecher ins Sprecherzelt kommen!" Wir sind nämlich in sogenannten Bezugsgruppen organisiert. Ein Sprecher aus unserer Gruppe geht zum Sprecherrat, informiert sich, kommt zurück und berichtet. Wir besprechen und treffen auch Entscheidungen, die der Sprecher dann wieder in den Rat trägt. Solch ein Sprecherrat kann überall Blitzschnell zusammentreten: Einer schreit mitten in der Demo "Sprecher zur Fahne!", und schon läuft das Verfahren ab. Das ist Basisdemokratie, Sprecher ist jeder mal.

Katrin, Isabell, Jorg und ich haben das Kennwort Frühling. Ein Kennwort ist wichtig: Verliert man sich im Getümmel der Demo, so schreit man laut sein Kennwort, und irgendwann kommt die Antwort: "Frühling!" So tastet man sich rufend aufeinander zu. Innerhalb der Bezugsgruppe wird registriert, wenn einer verhaftet wurde oder jemandem etwas zustößt. Man steht sich bei, tröstet sich, etc.

Wir stehen also auf und machen uns marschbereit. Alle wissen: Wir wollen irgendwo auf die Schienen und sie besetzen. Alle laufen los in Richtung Ahaus, zum Bahnhof. Wo das Gleis zur Lagerhalle abzweigt, sollen wir es besetzen. Wir müssen blockieren, wenn wir etwas erreichen wollen. Langsam wird der Himmel heller. Sonnenaufgang, Vögel singen überall, es ist ein schöner Morgen, aber kalt.

Dann beginnen die Absperrungen. Überall Polizei. Sie haben die Nacht dort verbracht, sonst hätten wir, wie im vergangenen März in Gorleben, schon gestern abend die Schienen besetzen können. Überall Demonstranten. Wir finden eine unbewachte Wiese und gehen darauf in die Richtung, in der die Gleise sein müssen. Da kommen sie schon gerannt mit ihren weißen Helmen, ihrer Ritterrüsteung und ihren durchsichtigen Schilden. Schon sind sie bei uns: "Zurückgehen!" Natürlich gehen wir nicht, stehen direkt vor ihnen. Einige versuchen, sich durch eine Lücke zu drängeln und werden sofort zurückgedrängt, nicht brutal, sondern ganz normal. Ich versuche, ganz harmlos weiterzugehen, wo die Poli-Kette zuende ist und ein Zaun beginnt. Der letze Polizist kommt zu mir, stellt sich vor mich hin und lächelt freundlich, als wollte er sagen: Omachen, laß das mal! Ich muß auch grinsen und trete zurück, das Kräfteverhältnis ist ja sonnenklar.

Die Demonstranten irren herum. Sie kennen die örtlichen Gegebenheiten nicht. Wie könnte man noch auf die Gleise kommen? Der Sprecherrat kommt zusammen, aber es kommt nichts dabei heraus.

Die Chance

Wir gehen wieder in Richtung Hauptstraße. Dort wird uns per Megaphon mitgeteilt: Eine Kundgebung in Ahaus ist genehmigt worden. Die Polizei soll von der Straße gehen und uns durchlassen. Erst als deren Chef per Funk den Befehl bekommt, geht es los. Die Straße führt über die Schienen - könnt ihr Leser das fassen?

Als der Zug die Schienen erreicht, setzen sich auch schon die ersten nieder. Dann ist der ganze Übergang mit uns blockiert. Der Polizeichef, her Peters oder Petersen, fordert uns auf, zu gehen; natürlich vergeblich. Überall sind Kameraleute und Photographen. Ich höre mit, daß P. sagt: "Sie haben doch nun ihren Auftritt im Fernsehen gehabt. Jetzt können sie doch weitergehen!" Ich sage ihm, daß es uns nicht ums Fernsehen geht, sondern um den Castor, und daß wir bestimmt nicht wieder so eine gute Chance bekommen, die Schienen zu besetzen.

Über Megaphon erfahren wir die Route des Castor: Start in Grundremmingen bei Ulm, fahrt über Stuttgart nach Walheim bei Neckarwestheim, wo Brennstäbe zugeladen werden. Dann alles über Lauffen, Würzburg, Fulda, Kassel, Paderborn, Hamm, und Lühnen nach Ahaus. An vielen Stellen dieser Strecken sind Demos und Aktionen, um den Zug aufzuhalten. Je nachdem wird er am Nachmittag in Ahaus eintreffen.

Knüppeln vor der Kamera?

Uns ist klar: Sie werden uns vorher räumen! Ein Polizist spricht in sein Funkgerät: "... 200 bis 300 Menschen! Kein Problem! ..." Herr P. fordert uns immer wieder zum Gehen auf. Er ist in einer miesen Situation: Im Kessel absolut friedliche, freundliche Demonstranten, die Lieder singen und Sprechchöre intonieren, drumherum Photographen und Filmer. Was gäbe das wieder für üble Szenen im Fernsehen, wenn er räumen ließe: Friedliche Demonstranten und knüppelnde Polizisten.

Dann läßt er doch knüppeln. Ich höre rufen: "Das sind Berliner!" Da wissen wir "Erfahreneren" bescheid: Das sind Brutalos! Aus Berlin und Magdeburg werden sie angekarrt, die ganz schlimmen Schläger und Armverdreher. Ich möchte wissen: Werden diese Männer und Frauen extra dazu ausgebildet? Hat ein "normaler" Polizist zu starke Hemmungen?

Die Filmer und Photographen sind schon lange vorher auf alle möglichen Erhöhungen der Bahnanlagen geklettert. Ich kann nicht mehr sitzen: Hintern und Beine tun weh. Ich stehe auf und blicke in Richtung der Prügler. Sie sind natürlich erfolgreich, es gibt nicht die geringste Gegenwehr. Mit einemmal ist Schluß.

Ein interviewer mit Kameramann kommt zu mir, der Alten: "Warum demonstrieren sie hier?" "Ich war einmal ein gläubiges Nazikind. Ich will meine Fehler nicht wiederholen. Deshalb bin ich hier: Ich glaube unserer Regierung nicht!" Er will weiter mit mir reden, aber dann kommt die "Letzte Aufforderung" von Herrn P.: Alle Reporter müssen raus aus dem Kessel, die Polizei möchte nachher keine kaputten Kameras bezahlen müssen.

Ordentliche Räumung

Die "normale" Räumung beginnt: Der Kessel öffnet sich, herein kommen Polizisten und Polizistinnen ohne Ritterrüstung, ohne Helm, ohne Schlagstock! Sie sehen aus wie normale Menschen, sind freundlich. Sie fragen erst: "Wollen sie freiwillig mitgehen? Wenn nicht, kann es eventuell wehtun." Nahezu alle gehen das Risiko des Wehtuns ein. Aber ich sehe: Sie räumen ordentlich. Diese armen Männer und Frauen: Sie haben hochrote Gesichter von der anstrengenden Arbeit. Erst den Demonstranten, die Demonstrantin aushaken, dann hochwuchten und rausschleppen.

Dann kommen ein junger Polizist und eine junge Polizistin zu mir. Ich reiche ihm meine beiden Hände: "Ach bitte, helfen sie mir hoch, ich hab's mit dem Rücken und gehe freiwillig mit." Beide lächeln freundlich, und er zieht mich hoch. Sie nimmt mich mit, er arbeitet weiter. Ich bin total ruhig und registriere, was alles um mich herum stattfindet. Es ist ja erlebte Historie! Die Anti-Atom-Bewegung wird in die Geschichtsbücher eingehen. Was mag da wohl nach 50 oder 100 Jahren drinstehen?

Auch ich werde gefesselt, abgetastet und mit anderen Frauen in einen Bus gesperrt. Von der letzten Bank beobachte ich weiter das Geschehen. Einige lassen sich völlig hängen, so daß ihre Füße über den Boden schleifen. Einer liegt plötzlich auf dem Boden. Eine Polizistin beugt sich über ihn und sagt etwas zu ihm. Da spuckt er ihr ins Gesicht. Ich bin erschrocken: Das ist gemein, finde ich. Sofort reagieren die Polizisten: Sie packen ihn und schleifen ihn über das rauhe Pflaster.

Durch ein Gewühl von Demonstranten rollen die Busse vorsichtig los. Es darf nicht geraucht werden. Die Frau auf dem Sitz vor mir ist halb irre: "Ich muß rauchen, ich halte das nicht aus!" Nachdem eine Polizistin entdeckt hat, wie sie zwischen den Sitzen abgetaucht ist und dort raucht - "Sofort ausmachen!" - denke ich: Wie erniedrigend, seiner Sucht ausgeliefert zu sein.

Dann sind wir in Rheine, in der Damlup-Kaserne ist die Gefangenen-Sammelstelle eingerichtet. Wir werden von unseren "BetreuerInnen" (so nennen wir unsere Polizistin) zum Klo begleitet. Wir müssen wieder in den stehenden Bussen bleiben, unterhalten uns oder dösen. Rufe werden laut: Wir haben Hunger!

Solidarität der Polizei

Essen für Gefangene ist nicht vorgesehen. Plötzlich gibt es doch Butterbrote, Äpfel, Saftpäckchen, Snacker. Wir hören später: Das hat die Polizei von ihrer Verpflegung gespendet, das Rote Kreuz hat die Brote geschmiert und alles an uns verteilt.

Auf die Forderung der Mitgefangenen kommt einer mit etwas Silber am Anzug, natürlich nicht der Chef. Er erzählt uns, es sei noch immer Gefahr im Verzuge, da der Castor zwar im Zwischenlager, aber noch immer Demonstranten in Ahaus seien. Um 20.27 Uhr sei er ins Lager gerollt, 15 Uhr war ursprünglich geplant gewesen. Wir wollten ihn verzögern und die Sache teuer machen. Übrigens: Es mußten Fußballspiele ausfallen, weil die Polizei nach Ahaus zum Einsatz mußte. Aha, das hatte ich noch nie gedacht: Jedes Wochenende sind Tausende Polizisten im Einsatz, um die gewalttätigen Fußballfans zu zähmen. Diese Kosten hat noch keiner moniert.

Endlich werden wir namentlich aufgerufen, um amtlich erfaßt zu werden. Ich werde Photographiert, das Sofortbild an meinen Laufzettel geheftet. Bei der Durchsuchung höre ich im Gespräch mit einer Polizistin, manche Leute versteckten offene Rasierklingen an ihrem Körper, damit die PolizistInnen sich daran schneiden. Ich bin ehrlich entsetzt. Meinen Rucksack muß ich abgeben, mein Schal kommt in eine Tüte, damit ich mich in der Zelle nicht damit strangulieren kann.

Dann komme ich in die Zelle, begrüße die drei anderen. Es füllt sich. Ein Mädchen wimmert: "Ich will hier raus." Ich bin erstaunt, für mich ist die Situation zwar ärgerlich, aber in keiner Weise bedrohlich. Wir leben doch nicht in einer Diktatur, wo man in solch einer Situation um seine Gesundheit und sein Leben fürchten muß.

Der Polizist schickt nach dem Roten Kreuz. Die kommen gleich mit Arzt und Bahre. Ich muß grinsen: Was für ein menschliches System! Nachher höre ich: Der Arzt hat mehrere Frauen auf diese Art herausgeschleust. Ich wickele mich in die Decke, die ich bekommen habe, und versuche, zu schlafen - unmöglich, ohne Kopfkissen und bei dem Leben auf dem Gang.

Später werden wir alle entlassen, bekommen unsere Sachen wieder und werden einzeln zum Haupttor geführt. Draußen warten unsere Freunde. War es schon hell? Wieder im Camp hat Raampenplaan ein Frühstück für uns aufgebaut: Brot, Belag, Marmelade, Müsli, heißer Kräutertee, heiße Suppe - toll!

Ich kaufe noch ein paar Zeitungen als Souvenir und unterhalte mich mit einem Ahauser. Er deutet auf eine große, weiße Wolke, die aufrecht am Horizont steht: Die ist immer dort, vom Kühlturm des AKW Lingen/Ems. Er und sein Frau halten Atomanlagen für zu gefährlich, gehen aber nicht auf eine Demo, wie die meisten Menschen.

Langsam werden wir weniger, verabschieden uns, auch meine Bezugsgruppe fährt nach Oldenburg zurück. Noch dies: Ein Polizist ist bei der Bewachung des Castor-Transportes zu nahe an einen Zug geraten und dabei zu Tode gekommen. Kein Demonstrant war in der Nähe. Es war ein Unfall im Dienst, der auch woanders hätte geschehen können. Uns tut es ehrlich leid und wir sind betroffen. Aber deshalb die Demo abblasen, wie es die Bildzeitung erwartet hatte, das geht zu weit, meine ich.

Käthe


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