Oldenburger STACHEL Ausgabe 6/98     Seite 1
 
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Vom Castor-Stopp zur Abschaltung

Alle Castoren stehen still, wenn die Bewegung das so will!

Mit den Bildern martialischer Polizeiaufgebote, die den Castor-Transport nach Ahaus durchsetzten, versuchte der Staat noch Anfang M"rz den Eindruck zu erwecken, die Castortransporte und die Atominustrie seien unaufhaltsam. Gewiß vermittelten auch diese Bilder gleichzeitig die Botschaft der entschlossenen Menschen, die sich auf die Straße und Schiene wagten, Sand im Getriebe des Atomstaates waren und die strahlende Fracht immer wieder zum halten brachten. Aber daß die Castor-Transporte so kurz vor einem vollkommenen, wenn auch ersteinmal zeitlich begrenzten, Stopp waren h"tte sich keineR tr"umen lassen.

Eigentlich war gar nichts besonderes geschehen. So sehen es zumindest die Kraftwerkstechniker. Und damit haben sie in gewisser Weise auch Recht. Beim Beladen der Castor-Behälter unter Wasser in den Abklingbecken der AKWs lagern sich radioaktive Partikel aus dem Wasser, das die Brennelemente umgibt, außen an den Behältern an. Sie kontaminieren ihn. Jahrelang fuhren Castor-Transporte, die weit über dem Grenzwert radioaktiv kontaminiert waren, von deutschen AKWs zu den Wiederaufarbeitungsanlagen im Ausland und zurück in deutsche Zwischenlager. Die erhöhten Meßwerte wurden ignoriert oder die Castoren erst gar nicht gemessen. Die Grenzwertüberschreitungen wurden auf jeden Fall geheim gehalten und tiefgreifende Konsequenzen nicht gezogen.

Erfolg der Anti-Atom-Bewegung

Und genau das ist, da haben die Kraftwerkstechniker recht, nichts besonderes. Sie haben in den AKWs st"ndig mit Werkzeugen, Ger"ten oder Anlagenteilen zu tun, deren Kontamination die Grenzwerte überschreitet. Das ist schlicht und ergreifend nicht zu vermeiden. Also versuchen sie die entsprechenden Teile zu dekontaminieren, also abzuduschen und zu wischen. Oder sie ersetzen sie. Und wenn beides nicht geht, dann ignorieren sie etwaige Meßergebnisse einfach. Wie sie das im Fall der kontaminierten Castor-Beh"lter seit Mitte der Achtziger gemacht haben.

Daß die radioaktive Kontamination der Castor-Transporte zu einem politischen Skandal wurde, lag ganz alleine an dem anhaltenden Widerstand, den die Anti-Atom-Bewegung den Transporten entgegengesetzt hat. Um den wachsenden Widerstand in polizeilich irgendwie noch bew"ltigbaren Grenzen zu halten, waren die Kraftwerksbetreiber n"mlich gezwungen der Öffentlichkeit zu suggerieren, daß die Castor-Transporte vollkommen harmlos seien, alles doppelt und dreifach überprüft würde und die Bevölkerung den Betreibern und der Atomaufsicht wirklich blind vertrauen könne. Und genau diese von ihnen selbst aufgebauten Erwartungen sind nun auf sie zurück gefallen, wo öffentlich bekannt wurde, wie recht die atomaren Werbemanager mit ihrem Slogan, "Im Grunde ist Castor nur ein anderes Wort für Vertrauen!", hatten. "Kontrolle w"re besser gewesen!", denken sich nun viele.

50.000 Bequerell

Die technische Seite des Castor-Skandals wiegt weit weniger schwer als die politische. Natürlich ist es alarmierend, wenn von 74 Castor-Transporten im letzten Jahr 23 aus sechs AKWs radioaktive Kontaminationen weit über den Grenzwerten aufwiesen. Und die von einem Castor-Transportgestell des AKW Grafenrheinfeld aufgestellte Rekordmarke von 50.000 Bequerell pro Quadratzentimeter, eine Überschreitung des Grenzwertes von vier Bequerell um das 12.500fache, spricht für sich. Aber solche Werte wurden nicht fl"chendeckend erreicht, sondern nur an relativ kleinen sogenannten "Heißen Stellen". Und für die BahnarbeiterInnen, die die Transporte abwickeln, und die PolizistInnen, die die Transporte begleiten, dürfte die aus dem Inneren der Castoren stammende Neutronenstrahlung, die, unter anderem nach Ansicht der internationalen Strahlenschutzkomission durch deutsche Behörden, systematisch zu niedrig bewertet wird, weitaus gef"hrlicher sein. Und für die Gesamtbevölkerung sind die sonstigen von der Atomenergie ausgehenden Gefahren weitaus gef"hrlicher als die Castor-Transporte.

Dennoch gibt es keine ungefährliche radioaktive Dosis. Und die jetzt bekanntgewordenen Kontaminationen sind gefährlicher als ihre - im Verhältnis zum hochradioaktiven Inhalt der Castor-Behälter niedrigen - Bequerell-Werte es dem/der Unbedarften erscheinen lassen. Denn der hochradioaktive Inhalt des Behälters bleibt dort, solange dieser dicht ist. Nur die von ihm ausgesandte Neutronen- und Gammastrahlung dringt nach außen. Ihr ist mensch nur ausgesetzt, solange mensch sich in der unmittelbaren Umgebung der Behälter aufhält. Die auf den Castor-Behältern haftenden radioaktiven Partikel aber können aufgewirbelt und eingeatmet werden. Innerhalb des Körpers sind radioaktive Substanzen weitaus gefährlicher als außerhalb. Und wenn sie ersteinmal im Organismus eingebaut sind, ist er ihrer Strahlung jahrelang ausgesetzt.

Mit Silikon und Tesa-Film

Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang noch, daß die Betreiber erkl"rt haben, daß die Kontaminationen früher bedeutend höher waren und aufgrund von "wirksamen Gegenmaßnahmen" auf die heutigen Werte gesenkt werden konnten. Die "wirksamen Gegenmaßnahmen" sind unter anderem das Verkleistern von Spalten am Castor-Beh"lter, in denen sich Wasser mit radioaktiven Partikeln befindet, mit normalem Silikon, das abkleben des Spaltes am Rand des Beh"lterdeckels mit Tesafilm und das Abrubbeln des Beh"lters mit handelsüblichen Küchentüchern. Dies wirft ein erschreckendes Bild auf den Stand der Sicherheitstechnik in Atomkraftwerken und die Frage auf, wie hoch den die Kontaminationen früher waren. Sie müssen sehr hoch gewesen sein, denn sonst würden die Betreiber die Werte nicht allen Spekulationen zum Trotz geheim halten.

Transportnuklear und NTL

Politisches Gewicht bekommt der Castor-Skandal vor allem dadurch, daß er wieder einmal beweist, daß Nicht- beziehungsweise Falschinformation sowie Vertuschung in der Atomindustrie (muß das nicht Mafia heißen? der Tipper) und den mit ihr befaßten Ministerien die Maxime politischen Handelns ist. Und wenn etwas ans Tageslicht kommt, wird auf die Salamitaktik zurückgegriffen: "Immer nur das zugeben, was unmittelbar bewiesen werden kann!". So kommt die Wahrheit nur scheibchenweise und wahrscheinlich nie ganz ans Licht. Das ist natürlich nicht neu und wurde schon des öfteren durchexerziert. Nicht umsonst fühlen sich viele von dem aktuellen Castor-Skandal stark an den Transnuklear-Skandal von 1987 erinnert. Auch damals ging es um Atomtransporte. War der Skandal nur aufgrund konsequenter Geheimhaltung aller Beteiligten möglich. Kam die Wahrheit nur scheibchenweise ans Licht. Und, was besonders interessant ist, die Firma im Zentrum des jetzigen Skandals, die Nukleare Transportleistungs GmbH (NTL), ist die direkte Nachfolgerin der Firma Trasnuklear, die damals im Zentrum des Skandals stand. NTL hat so sogar die selbe Firmenadresse wie die aufgrund der Enthüllungen von 1987 aufgelöste Transnuklear.

Nur der Gegenstand des Skandals selbst nimmt sich, mit dutzendweise kontaminierten Castor-Beh"ltern, direkt harmlos gegen den Transnuklear-Skandal aus. Damals kam ans Licht, daß Tausende von Atommüllf"ssern falsch deklariert waren. So befand sich z. B. Plutonium in Beh"ltern die für kontaminierte Putzlappen gedacht waren. Viele dieser falsch deklarierten F"sser wurden in einem illegalen Faßlager in Esenshamm gefunden. Über 1.300 stehen heute noch in Gorleben. Manche davon bl"hen sich auf. Andere hatten Risse und sind einfach mit Leukoplast abgeklebt worden. Entsorgungsvertr"ge waren im Bordell geschlossen und Schmiergelder in einer Höhe von mindestens 20 Millionen gezahlt worden. Und bis heute ist der Verdacht nicht ausger"umt, daß waffenf"higes Material an andere Staaten geliefert worden ist.

Besonders (un)zuverl"ssig

Damals wie heute beeilt sich das Bundesumweltministerium zu erkl"ren, daß die betroffenen Firmen und Kraftwerke trotzdem "besonders zuverl"ssig" seien. Das muß es n"mlich. Ohne diese "besondere Zuverl"ssigkeit" dürfen die Stromkonzerne laut Atomgesetz n"mlich keine Atomtransporte durchführen und erst recht keine Atomkraftwerke betreiben. Wer in diesem Lande unzuverl"ssig ist, wenn diese Herren es nicht sind, bleibt zu fragen. Vielleicht das Ministerium selbst? Immerhin ist ihm nach eigenen Angaben "das Risiko, daß es im Verlauf des Transports zu einer überhöhten Strahlung kommen könne, seit l"ngerem bekannt gewesen." "Theoretisch haben wir davon gewußt.", so der Ministeriumssprecher. Sp"testens diese Unterscheidung zwischen theoretischem und praktischem Wissen um die Kontaminationen zeugt von Schizophrenie, also absoluter Unzuverl"ssigkeit. Wohingegen die Atombetreiber "besonders zuverl"ssig" ihren Profit im Auge haben.

... und Widerstand!

Dafür weiß das Bundesumweltministerium aber zuverl"ssig, was jetzt, wo die Transporte gestoppt sind, seine Aufgabe ist. "Es wird viel Mühe kosten, den Ruf der Kernenergiebranche wieder herzustellen.", so Ministerin Merkel. Und ganz genau das zu verhindern ist die Aufgabe der Anti-AKW-Bewegung. Und natürlich dafür zu sorgen, daß der Transportstopp bestehen bleibt. Selbiger ist n"mlich ersteinmal bis Ende diesen Jahres beschr"nkt. Und ob und wann dann die Transporte wieder aufgenommen werden, h"ngt nicht nur davon ab, wer dann an der Regierung sitzt, sondern vor allem wieviel Druck von der Straße und Schiene aus auf diese gemacht wird. Die Atomindustrie (Mafia! d. T.) wird n"mlich einigen Druck aufbauen um die Transporte wieder ins rollen zu kriegen. Ohne die Castor-Transporte wird n"mlich ein AKW nach dem anderen abschalten müssen, weil seine Lagerkappazit"ten für abgebrannte Brennelemente erschöpft sind.

Stade zuerst!

Das erste Kraftwerk, das dichtmachen muß, wird Stade sein. Welches eben deshalb mit den AKWs Biblis und Ohu in die engere Wahl für den ersten Transport nach dem Stopp kommt. Für die norddeutsche Anti-AKW-Bewegung ist damit klar, wo der Schwerpunkt der n"chsten Stopp-Castor-Kampagne liegen wird. In Stade! Ende der Achtziger hatte es n"mlich eine Kampagne gegeben, die unter dem Motto "Stade zuerst!" die sofortige Abschaltung des wohl marodesten norddeutschen AKWs forderte. Nie war dieses Motto so aktuell wie heute. Wenn der erste Transport aus einem der anderen beiden AKWs kommt, wird natürlich auch von Norddeutschland aus vor das entsprechende AKW oder einen der beiden deutsch-französischen Castor-Grenzüberg"nge mobilisiert werden.

Frau Merkel sagte auf den n"chsten Castor-Transport angesprochen: "Der Widerstand wird bestimmt nicht kleiner werden." Nein, ganz gewiß nicht, Angela!

BeSch

Als Einstimmung auf die "Stade zuerst!"-Kampagne gibt es in Oldenburg am Mittwoch, dem 8. Juli, um 14.00 Uhr eine Demo vom örtlichen Atomstromversorger EWE in der Donnerschweer Straße zur hiesigen Filiale des Betreibers der meisten deutschen AKWs, unter anderem von Stade, der Preußen Elekra an der Dobbenwiese. Welche zu Übungszwecken blockiert werden soll.

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