Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/98     Seite 5
 
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Erinnern

Ehemalige polnische und ukrainische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen besuchen Oldenburg

Im Juni diesen Jahres werden auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Oldenburg-Ohmstede etwa 20 Männer und Frauen aus Polen und der Ukraine nach Oldenburg reisen. Sie sind ehemalige ZwangsarbeiterInnen, die in den Kriegsjahren nach Oldenburg verschleppt wurden, oder Angehörige der Verstorbenen, die im Massengrab auf dem Ohmsteder Friedhof beigesetzt wurden.

Während des Zweiten Weltkrieges halfen Tausende von Männern und Frauen unterschiedlicher Nationalität, die Wirtschaft Oldenburgs aufrechtzuerhalten und die Versorgung der deutschen Bevölkerung sicherzustellen. Bis zum Ende des Krieges wurden insgesamt etwa 12000 Ausländer zur Arbeit nach Oldenburg verschleppt bzw. zwangsverpflichtet, vor allem aus der Sowjetunion, Polen und den Niederlanden. In der Regel transportierten die Deutschen insbesondere die Menschen aus den besetzten Ostgebieten zwangsweise ins Reich. Bei den Verschleppten handelte es sich in den letzten Kriegsjahren nicht nur um alleinstehende Männer und Frauen im arbeitsfähigen Alter, sondern es wurden auch vollständige Familien aus ihren Heimatländern deportiert.

60 Lager in Oldenburg

Zur Unterbringung der ausländischen Arbeitskräfte und Kriegsgefangenen wurde in der Stadt Oldenburg wie auch an anderen Orten des deutschen Reiches ein Netz von Arbeitslagern aufgebaut. Bisher sind beinahe 60 Lager unterschiedlicher Größe innerhalb der Stadtgrenzen bekannt. Das größte Lager zur Registrierung und Verteilung der Arbeitskräfte im Arbeitsamtsbezirk Oldenburg war das im Jahre 1942 errichtete "Ostarbeiterdurchgangslager" auf dem Oldenburger Rennplatz im Stadtteil Ohmstede. Vor allem polnische und sowjetische ZwangsarbeiterInnen mußten dieses Lager durchlaufen, bevor sie in der Region weitervermittelt wurden. Ebenso wohnten hier aber auch ZwangsarbeiterInnen, die in der Stadt arbeiteten. Das Lager war aber nicht nur eine Durchgangsstation und ein Wohnlager für ausländische Arbeitskräfte. Es existierte dort neben den Krankenbaracken für Leichterkrankte auch ein Sammel- und Sterbelager für Schwerkranke.

Die im Lager aufgestellte Entbindungs- und Säuglingsbaracke nahm seit dem Jahre 1943 entscheidenden Einfluß auf die Lebensverhältnisse schwangerer polnischer und sowjetischer Frauen und ihrer Kleinkinder und Säuglinge im Arbeitsamtsbezirk Oldenburg. Schwangere "Ostarbeiterinnen" mußten dort ihre Kinder zur Welt bringen und in vielen Fällen die Säuglinge zurücklassen. Nach den offiziellen Aufzeichnungen starben von August 1943 bis April 1945 im Lager 120 Kinder. 107 der verstorbenen Kinder wurden noch nicht einmal fünf Jahre alt. Auf dem nahegelegenen Friedhof der evangelischen Kirchengemeinde Ohmstede ließen die Behörden nicht nur die Säuglinge und Kleinkinder des Lagers in primitiver Weise bestatten, sondern auch 300 erwachsene ausländische Frauen und Männer in einem Massengrab. In den überwiegenden Fällen handelte es sich dabei um Menschen sowjetischer oder polnischer Nationalität.

Angehörige wünschen sich

einen Besuch

Erst vor kurzer Zeit haben eine Reihe von Angehörigen erfahren, daß ihre Väter, Mütter und Geschwister auf dem Ohmsteder Friedhof beerdigt wurden. Viele haben nun den Wunsch geäußert, das Grab ihrer nahen Verwandten zu besuchen, um ihrer zu gedenken. Leider ist es ihnen aber in der Regel nicht möglich, da sie z. B. schon die Reisekosten nicht finanzieren können. Als Rentner verfügen sie nur über eine minimale Rente, die oft nicht einmal zum Lebensunterhalt reicht. Zudem haben sie trotz ihrer in Deutschland geleisteten Zwangsarbeit keine Entschädigung erhalten.

Für die Zeit vom 4. 6. bis 11. 6. 1998 beabsichtigt die Kirchengemeinde Oldenburg-Ohmstede eine Gruppe von 20 Personen einzuladen, die privat bei Gemeindemitgliedern untergebracht werden sollen. Die Gedenkstätte mit dem Sammelgrab auf dem Ohmsteder Friedhof erinnert aber nicht nur an die Geschichte dieses Stadtteils, sondern betrifft die gesamte Geschichte der Stadt Oldenburg. Es ist somit wünschenswert, daß sich interessierte Bürger aus allen Stadtteilen an den verschiedenen Aktivitäten beteiligen. Der genaue Programmablauf für dieses Treffen wird in der Presse noch veröffentlicht werden. Bisher hat sich ein über die Mitglieder der Kirchengemeinde Ohmstede hinausgehender Kreis zur Vorbereitung des Besuchs zusammengefunden. Dieser Organisationskreis ist für alle Interessierten offen. Personen, die sich an der Vorbereitung und Durchführung des Besuchsprogramms beteiligen wollen, sind herzlich eingeladen. Das nächste Treffen findet am Dienstag, den 31. 3. 1998 um 16.30 h im Rathaus statt.

Patenschaft für Reisekosten

Zunächst einmal müssen aber für diese Besuchergruppe noch die Reisegelder wie auch weitere Unkosten mit Hilfe von Spenden finanziert werden. Gesucht werden Gruppen und auch Personen, die einmalig eine "Teilpatenschaft" finanzieller Art übernehmen. Die Höhe des Beitrages kann sich dabei selbstverständlich unterschiedlich gestalten. Die Zentrale Anlaufstelle für die Organisation des Besuchs ist die ev. luth. Kirchengemeinde Ohmstede und der Organisationskreis "Erinnern - Begegnung mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen aus Polen und der Ukraine".

Spenden können auf das Konto der ev. luth. Kirchengemeinde Ohmstede bei der LzO überwiesen werden: Konto-Nr. 019-411867, BLZ 28050100, Kennwort "Fremdarbeiterangehörige". Spendenbescheinigungen werden auf Wunsch ausgestellt.

Organisationskreis

"Erinnern - Begegnung mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen aus Polen und der Ukraine",

Pastor Jörg Meier u. a.


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.


 

 
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