Oldenburger STACHEL Ausgabe 3/98     Seite 6
 
Aktuelles
Archiv
2003
2002
2001
2000
1999
1998
Dezember (196)
November (195)
Oktober (194)
September (193)
Juli (192)
Juni (191)
Mai (190)
April (189)
März (188)
Februar (188)
Januar (187)
1997
1996
1995
1994
UHN
Service
Wir über uns
Impressum
Kontakt
 
Inhalt dieser Ausgabe
 

Wider die Vernunft

Sozialausgaben werden gekürzt, die Arbeitslosenzahlen steigen, das neue HRG droht, wo bei der Bildung sowieso gespart wird, aber... es gibt auch noch Hoffnungsschimmer am Horizont, denn der Bau des Primatenzentrums in Bremen steht bevor. Endlich wird die Uni Bremen dann fit fürs nächste Jahrtausend sein (auch wenn bei wichtigen Fachbereichen dafür gekürzt werden muß), oder etwa nicht?

Schaut man sich die Entwicklung und Resonanz in der Öffentlichkeit an, die dieses Projekt des Sonderforschungsbereichs (SFB) 517 der Unis Oldenburg und Bremen hatte, so wird auch hier wieder enttäuscht, wer daran glaubt, daß die Interessen der Mehrheit berücksichtigt werden.

Doch fangen wir nochmal von vorne an:

Entstehung des Bremer Konsens

Irgendwann in den Achtzigern überlegen sich Tierexperimentatoren der Uni Bremen, daß es wohl unerläßlich für den Menschen sei, in Bremen Tierversuche an Hunden und Katzen zu betreiben, doch es formiert sich breiter Widerstand, der in "letzter Minute" (denn die Käfige für die Tiere sind schon gebaut) diese blutige Forschung verhindern kann und es kommt zum sogenannten mündlichen "Bremer Konsens" in Bremen, dem auch die Politiker zustimmten, keine Grundlagenforschung an höheren Lebewesen auszuüben.

Wie fing es an?

Ungefähr 10 Jahre später (1995), bewirbt sich Dr. Kreiter , vorher Tierexperimentator an Affen in Frankfurt, auf eine "theoretische Biologie"- Stelle (C4) in Bremen, und erhält wider einer informellen Regelung der Uni Bremen (C4-Professuren nicht ohne Habilitation zu vergeben) den Ruf. Zwei Jahre später gelangt an die Öffentlichkeit, daß im Zusammenhang mit dieser Professur in Bremen ein Primatenzentrum entstehen soll, ungeachtet der Tatsachen, daß seit 1985 rund 30.000 Affen in Laborversuchen qualvoll verendeten, daß doch eigentlich sonst für die Uni kein Geld da ist (es stellt sich die groteske Situation ein, daß die Studenten Studiengebühren zahlen sollen, während ca. 3 Millionen DM in die Hirnforschung an Affen investiert werden sollen), und daß andere Primatenzentren in Deutschland nicht ausgelastet sind und deswegen auch der Primatenforscher Nothdurft aus Göttingen ausgeliehen wird (offiziell nur für eine Psychologie-Stelle).

Versuche am Affenhirn

Geplant ist, die Gehirnaktivität bei Makakenaffen mittels implantierter Elektroden zu messen, während die Versuchstiere, durch Titanschrauben am Kopf fixiert, auf einen Monitor starren müssen (ca. 6 Stunden am Tag), um auf Lichtpunkte zu reagieren. Die Affen werden vorher darauf euphemistisch gesagt "trainiert", indem sie nichts zu trinken bekommen, wenn sie nicht mitmachen. Das ganze läuft unter einer theoretische Biologie- Stelle.

Der Protest beginnt

Tierschutzverbände und andere Gegner bekommen erst Anfang 1997 Wind von dem Vorhaben und massiver Protest läuft an. Unregelmäßigkeiten beim Berufungsverfahren werden kritisiert (Kreiter hielt z.B. nur einen, anstatt den üblichen zwei, Fachvorträgen), Mitglieder der Berufungsgremien fühlen sich getäuscht: "Sowas hätte ich nicht hinter theoretische Biologie vermutet."

Weiterhin wird an der Notwendigkeit des Primatenzentrums und der Versuche gezweifelt, die Befürworter können den Vorwurf der Doppelversuche in der Öffentlichkeit nicht überzeugend widerlegen. Auch ist nicht klar, ob der Tod der Versuchstiere neue Erkenntnisse für den Menschen bringen wird.

Krankheitsforschung?

Doch Professor Dr. Roth (Urheber des Projekts) und Dr. Kreiter behaupten nun bei diversen Diskussionsrunden, daß evtl. etwas gegen Parkinson, Alzheymer oder ähnliches gefunden werden könnte, was der Deutsche Tierschutzverein in seinem Primatenreport versucht zu widerlegen. Schließlich entsteht ein Bürgerbegehren in Bremen gegen den Bau des Primatenzentrums, neben Studenten, Profs, Schülern und Tierschützern werden nun auch noch andere Bremer Bürger gegen das Projekt aktiv.

Und irgendwann regt sich auch in Oldenburg Widerstand (nachdem ein 3/4-Jahr des Protestes vergangen ist), weil auch die Uni Oldenburg über den SFB 517, der paritätisch mit Bremer und Oldenburger Professoren besetzt ist, in das Geschehen involviert ist.

Politiker entscheiden gegen Bürger

Doch bevor es zu Diskussionsabenden in Oldenburg kommt, entscheiden die Politiker über das Bürgerbegehren und lehnen es, ungeachtet des "Bremer Konsens", ab. In der Parlamentssitzung ignorieren die meisten Abgeordneten sachliche Argumente; ein CDU-Abgeordneter redet schließlich von Forschung für die gesamte Menschheit (die die Menschen aber anscheinend überhaupt nicht wollen) und konkludiert, daß es, wenn es Massentierhaltung gäbe, man auch gegen solche Versuche keine ethischen Bedenken vorbringen könne.

Diskussion in Oldenburg

Bei einer späteren Diskussionsrunde in Oldenburg kann Prof. Dr. Roth die Gegner nicht überzeugen, obwohl er die meiste Kritik abwiegelt und schon in seiner Eingangsrede versucht, die Kritik als unberechtigt erscheinen zu lassen. Dr. Kreiter versucht mit seinem neurobiologischem Wissen zu beeindrucken, auf ethischem Gebiet wirken die Forscher jedoch unsicher. Und wer Professor Roths Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit" (erschienen im Suhrkamp Wissenschaftsverlag) gelesen hat, wundert sich, daß er im Hörsaal der Uni Oldenburg nicht an die Entwicklung künstlicher Intelligenz oder =C4hnliches glaubt, sich aber in seinem Werk und auf einem Symposium über den Ersatz menschlicher Gehirnteile durch Mikrochips ausläßt.

Forschungsantrag nicht beratungsfähig

1998 ist dieses Projekt immer noch aktuell und Dr. Kreiter fällt in der Taz (8.1.98) wieder durch Negativschlagzeilen auf. Bereits 1997 rückt Kreiter durch ein Interview ins Rampenlicht, in dem er äußerte, daß die Affen es im Labor nicht so schlecht hätten, weil sie in der freien Wildbahn vom Baum fallen und es kämpfe untereinander gibt. Jetzt weist die zuständige Behörde des Gesundheitsamtes seinen Antrag als nicht beratungsfähig zurück, ein Berliner Experten- Gutachten hält den Antrag für unzureichend, weil er unter anderem nicht fundiert beweist, daß es sich nicht um Doppelversuche handelt. Und die Taz findet auch als eine Begründung für die Versuche: "Erkenntnisse für intelligentere Computer" (hatte Prof. Dr. Roth diesem Forschungsgrund nicht in Oldenburg widersprochen?!).

Großdemo am 25.4.

Mittlerweile sind noch weitere Gruppierungen (PETA, Menschen für Tierrechte und andere) aktiv geworden und rufen nochmal zusammen mit vielen anderen Veranstaltern zu einer Großdemo am 25.4. in Bremen um 11.00 auf, um dieses Vorhaben in letzter Minute vielleicht (wie damals) doch noch zu kippen!

Interessierte aus Oldenburg können sich auch bei der AG Tierrecht der Carl-von-Ossietzky-Universität erkundigen. Kontakt über das Postfach im AStA.

Vielleicht setzt sich ja doch einmal die Vernunft durch, und... außerdem wozu sollen wir an Affen experimentieren, wo es doch in den Staaten Forscher gibt, die angeblich schon Menschen erzeugen können?!

Ralf S.


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.


 

 
  Differenzen zur gedruckten Fassung nicht auszuschließen. Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Siehe auch Impressum dieser Ausgabe und Haupt-Impressum