Oldenburger STACHEL Ausgabe 7/97     Seite 6
 
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"Trinkt mehr fair gehandelten Kaffee"

Im Juni waren Ovidio Lopez, guatemaltekischer Gerneralsekretär des lateinamerikanischen Kooperativenzusammenschlusses "Frente Solidario" und Hector Bonvilla, Vertreter einer Kleinbauernkooperative aus Costa Rica, zu Besuch in Deutschland. Auf einer Veranstaltung der "Eine Welt Aktion Bremen e.V." warben sie für mehr Unterstützung des "Fairen Handels". Eine Nachlese.

Weltweit werden jährlich rund 600.000 Tonnen Kaffee von kleinbäuerlichen Familien geerntet. Im Normalfall wird die Ernte von lokalen Zwischenhändler zu niedrigen Preisen aufgekauft, die ihrerseits, nach nicht unerheblichen Aufschlägen, den Kaffee an die großen Exportgesellschaften verkaufen. Den Produzentinnen und Produzenten bleibt bei diesem Handel meisten nicht mal genug Erlös, um die Produktionskosten zu decken, geschweige denn den Lebensunterhalt ihrer Familien zu gewährleisten.

Der Alltag im Kaffee-Geschäft...

Neben dem geringen Handelserlös ist ein weiteres Charakteristikum des "Kaffee-Alltags", daß die meisten Kooperativen keine Mittel aus den staaatlichen Entwicklungskrediten bekommen. Viele Kooperativenmitglieder müssen sich so zusätzlich als Saisonarbeiterinnen und -arbeiter auf den großen Kaffeeplantagen, auf den Viehranches für den gesetzlichen Tages-Mindestlohn von zwischen 1,16 US$ (Nicaragua) und 6,54 US$ (Costa Rica) verdingen. Oder -schlimmer noch-, geben auf, wandern in die Städte mit der, zumeist vergeblichen, Hoffnung, dort Arbeit zu finden. Nicht selten werden so auch die Familien auseinandergerissen, mit der häufigen Folge der sozialen Verelendung.

...und der "mercado alternativo"

Die "Aktion Dritte Welt Handel" (allen voran die beiden ältesten Importorganisationen El Puente und gepa) versucht seit nunmehr 25 Jahren, mit professionellen Mitteln, Produkte aus den Ländern des Südens hier über alternative Handelsstrukturen zu vermarkten.

Der Erfolg, rein volkswirtschaftlich betrachtet, ist dabei eher gering. Dennoch setzen die Kooperativen große Hoffnung in die Handelsbeziehungen mit den Importorganisationen der "Dritten Welt"-Bewegung. Hier sehen sie die Möglichkeit, die lokalen Zwischenhändler auszuschalten und in direktem Kontakt mit den Kaffeeabnehmern zu kommen sowie für ihrer Produkte faire Preise zu bekommen.

Dies bedeutet, nicht nur die Produktionskosten wieder reinzubekommen, sondern darüberhinaus auch einen bestimmten Fixzuschlag für soziale Einrichtungen, für Beratungs- und Fortbildungsmaßnahmen zu bekommen. Die Erlöse kommen dabei allen Menschen vor Ort zu gute, nicht nur den Mitgliedern der Kooperative bzw. der organisierten kleinbäuerlichen Familie.

"Frente Solidario", der Zusammenschluß von 20 Organisationen kleinbäuerlichen Kooperativen mit insgesamt 900 Basisgruppen in über 13 Ländern Lateinamerikas, weist daher auch auf die Bedeutung von TransFair und Max Havelar für die ProduzentInnen hin.

Ovidio Lopez: "Dank der alternativen Handelsorganisationen sind wir in der Lage, erstens Zugang zum internationalem Handel, zur Kaffeebörse in New York zu bekommen und erfahren, zu welchem Preisen unser Kaffee dort gehandelt wird, erfahren, was wir eigentlich bekommen müßten. Und zweitens können wir so auch in den Wettbewerb mit den lokalen und nationalen Händlern treten. Für uns sind daher auch die neuen Aktionen von TransFair in Deutschland oder Max Havelar in den Niederlanden sehr wichtig."

Bisher nur 2% über alternative Handelswege

TransFair und dessen Vermarktungsstrategie von fair gehandeltem Kaffee in Supermärkten wird laut Lopez und Bonvilla von den Produzentinnen und Produzenten begrüßt. Der Grund liegt auf der Hand: nur 2% des von kleinbäuerlichen Familien geernteten Kaffees kommt bisher jährlich über alternative, faire Handelsstrukturen in die Verbrauchsländer, der Rest wird weiterhin zu ortsüblichen Bedingungen und den Weltmarktgesetzen unterworfenen Preisen an die Zwischenhändler verkauft.

Und: TransFair geht mit seinem Konzept, das in der "Dritten Welt"-Solidaritätsszene nicht unumstritten ist, einen neuen Vermarktungsweg, der letztendlich den Produzentinnen und Produzenten zugute kommt.

Immer mehr Kooperativen sind nicht nur aufgrund der besseren Preise bestrebt, in das sog. "ProduzentInnenregister" von TransFair oder anderen Importeuren aufgenommen zu werden: denn, so Lopez, durch den direkten Kontakt wird auch der kühle Charakter einer reinen Handelsbeziehung aufgehoben.

"Unser Leben ist ein Kampf um Boden, Identität und Familie"

Hector Bonvilla beschreibt die Motivation seiner Kooperative im alternativen Handel mitzuwirken folgendermaßen: "Unser Leben ist ein Kampf. Ein Kampf um den Boden, unsere indigene Identität, unseren Familienzusammenhalt. Die "Grüne Revolution" hatte für uns verherrende Folgen: wir definieren uns als indegenas in Verbindung mit der Natur und nicht in der Abgrenzung ihr gegenüber. Wir waren schon immer Bauer und identifizieren uns mit dem Boden und der Natur. Die "Grüne Revolution" zwang uns förmlich von der traditionellen, schonenden Anbauweise auf chemische Mittel umzusteigen, ließ unsere Abhängigkeit wachsen. Neben dem kaputten Boden wurden im Laufe der Zeit auch die Familien immer mehr zerstört: viele wanderten in die Städte, suchten dort ihr Glück. Alte wie junge. Wir wollen aber auf dem Land leben, überleben, wollen gerechte Preise ("precio jousto") für unsere Produkte, wollen Gesundheit, Erziehung und persönliche Freiheit als Lebensqualität wiedererlangen bzw. erhalten. Die Initiative des "Dritte Welt Handels" unterstützt uns hierbei sehr."

Seiner Kooperative gehören ca. 500 Mitglieder an, die im Schnitt 1-1,5 ha Anbaufläche für Kaffee besitzen und ca. 20 Zentner pro Ernte pflücken. Rund 98% der Erträge bekommen die Mitgliedsfamilien, 2% gehen an sozialen Einrichtungen, vor allem in die (schulische Aus-) Bildung der Gemeinschaft. Mittlerweile wurde die Kooperative in das "ProduzentInnenregister" von TransFair aufgenommen und wird erstmals mit der Ernte 1997 Kaffee über den alternativen Handel vermarkten.

Zwickmühle "Bio-Anbau"

Mit dem garantierten Mindestpreisen, den Aufschlägen für soziale Projekte, der Vorfinanzierung und nicht nicht zuletzt durch die langfristigen Abnahmegarantien, sind viele Kooperativen in die Lage versetzt worden, ihr "Schicksal" immer stärker in die eigenen Händen zu nehmen.

Probleme tauchen hingegen immer wieder bei den Produktionsweisen auf: insbesondere die kritischen Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland verlangen immer häufiger Produkte aus ökologischem Anbau.

Die Kooperativen sehen sich in der Zickmühle. Lopez: "Gerade in Guatemala mit einem Anteil von ca. 65% indigenas an der Gesamtbevölkerung wächst ein "neues", altes Bewußtsein heran, das auf die Maya-Kulturen zurückgeht. So werden hier bereits 15% des Kaffee ohne Agrar-Chemikalien angebaut. Auch in anderen Ländern, wie Nicaragua oder Mexiko gibt es vielfältige Bestrebungen, kontrolliert biologisch und entsprechend zertifizierten Kaffee angebauten. Doch eines muß dabei immer bedacht werden: vielfach plagen die Leute viel elementarere Probleme als das Bedürfnis der EuropäerInnen nach gesunder Ernährung zu befriedigen! Der Bio-Anbau kann zunächst einmal nur eine Vorreiterfunktion haben!"

Hinzu kommt, daß selbst wenn sich die Kooperativen entscheiden, biologisch anzubauen, die Probleme eigentlich erst richtig beginnen: hinreichende Erträge liefern nur Böden, die vor der Umstellung bereits mehrere Jahre nicht chemisch behandelt worden sind, deren Zahl ist verständlicherweise eher gering.

Und die Gebühr der Bio-Zertifikation (vorgenommen von deutschen Zertifikationsorganisationen, die den Vorschriften der EU entsprechen) ist heutzutage laut Lopez meistens höher als der Mehrpreis für den kontrolliert biologisch angebauten Kaffee.

Eine Lösung sieht Lopez in dem Aufbau eigener, nationaler Zertifikationsorganisationen wie sie z.B. in Nicaragua und Mexiko bereits existieren. Neben der Einsparung von Kosten (z.B. müssen die Kontrolleure nicht mehr extra aus Europa eingeflogen werden) spielt hierbei natürlich der berechtigte Anspruch der Souveränität (auch und gerade im Bereich der Qualitätskontrolle) eine wichtige Rolle.

...und dennoch: Bio-Anbau wird auch von den ProduzentInnen gewollt

Um die Bemühungen der Kooperativen bei der Umstellung zu unterstützen, wird ihnen von den alternativen Handelsorganisationen ein "Bio-Aufschlag" von z.Z. ca. 1.- DM pro Kilo Kaffee gezahlt. Ein Aufschlag, der nicht nur die Mehrkosten decken soll, sondern auch für die Aus- und Weiterbildung der Kooperativenmitglieder hinsichtlich biologischer Anbauverfahren verwendet wird.

Auf die Frage, wie denn die Kaffeekooperativen am besten unterstützt werden können, hat Ovidio Lopez eine einfache Antwort parat: "Wenn die Leute in Deutschland den Kampf der Kleinbauern um ihren Boden, ihre Identität und ihren Familienzusammenhalt unterstützten wollen, können sie dies ganz einfach tun: Trinken Sie mehr Kaffee aus dem "Fairen Handel"!"

* über den Begriff "Fair" ist schon so manche Diskussion geführt worden. Ich verwende ihn hier in dem Sinne, daß der angesprochene Handel die Kriterien der "Aktion Dritte Welt Handel" erfüllt (vgl. hierzu u.a. auch STACHEL Nr. 5/1997).

Marco Klemmt


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