Oldenburger STACHEL Ausgabe 7/97     Seite 16
 
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Johan Galtung in Oldenburg

Der berühmte Friedensforscher Johan Galtung referierte am 14.5.97 in Oldenburg vor kaum besetzten Stuhlreihen. Prof. Galtung war auf Einladung der Weltbürgervereinigung gekommen, die den Vortrag zum Thema "Religion, Kultur, Gewalt" jedoch nur sehr unzureichend angekündigt hatte. Galtung wurde sogar zur Zahlung von Eintrittsgeld genötigt, weil die "Weltbürgerin" an der Kasse ihn nicht erkannte. Der Vortrag Galtungs war ein ermutigendes und tolles Erlebnis. 1930 in Oslo geboren, ist Galtung als politischer Aktivist, Soziologe, Kulturphilosoph, Entwicklungstheoretiker, Hochschullehrer und Friedensforscher international ein Begriff. Als junger Mann verweigerte er in Norwegen den Kriegsdienst und kam dafür ins Gefängnis. Er lehrte und arbeitete später an diversen Universitäten und Instituten in aller Welt, unter anderem in New York, Tokio, Neu-Delhi. Seine Vermittlungstätigkeit in internationale n und nationalen Konflikten ist heute weltweit gefragt. Galtung vermittelte unter anderem im Konflikt mit den Tupc Amaru in Lima, stieß mit seinen Lösungsvorschlägen auch auf große internationale Anerkennung, hatte jedoch keinen Erfolg, weil die Regierung und vor allem der selbstherrliche Präsident "gewinnen" wollten.

Johan Galtung begann seinen Vortrag in Oldenburg mit der Bemerkung: "Wir sind alle Minoritäten", global gesehen, gegenüber allen anderen Völkern. Die Vorrede von E.Field Horine von der Weltbürgervereinigung hatte ihn etwas gelangweilt: "Ich werde ihn zu meiner Bestattung einladen, und ich hoffe, daß er die Rede wiederholen wird."

Nach Galtung sind drei Formen von Gewalt zu unterscheiden: die direkte Gewalt, die strukturelle Gewalt und die kulturelle Gewalt.

Zur strukturellen Gewalt sind alle Formen und Methoden politischer Repression und wirtschaftlicher Ausbeutung zu zählen. Kulturelle Gewalt wird ausgeübt, um die Hegemonie bestimmter Verhaltensweisen und Wert- und Denkmuster zu sichern und die strukturelle und direkte Gewaltanwendung zu legitimieren, "so daß man das Gefühl hat, es sei ja ganz richtig, was da vor sich geht." Beim Rückgriff auf die Geschichte verblüffte er die OldenburgerInnen mit dem Beispiel der St. Ulrichs-Kirche in Rastede, die 1059 gegründet wurde und des 1091 gegründeten Benediktiner-Klosters. Auch sonst bewies er Kenntnisse über Oldenburg. (Besonders wohltuend, daß der Internationalist Oldenburg als Großstadt bezeichnete.)

Das elfte und zwölfte Jahrhundert standen unter dem Zeichen des Aufbruchs, der aufkommenden Geldwirtschaft und der gesteigerten Mobilität. Beide Elemente kamen in den Kreuzzügen zum tragen. Die Kreuzzüge sind ein Paradebeispiel der kirchlich, und damit kulturell begründeten Gewalt. Galtung gab zu Bedenken, daß die strukturellen Probleme, die den Kreuzzügen zugrunde lagen, immer noch im Nahen Osten bestehen, sogar "dringlicher als je zuvor". Wer die Konflikte im Nahen Osten verstehen will, der soll, so Galtung, die Bibel lesen.

Vier Kräfte haben seit dem Mittelalter, in einem langen der Säkularisierung, die Nachfolge Gottes angetreten: der Staat, der Markt, die Wissenschaft und die Nation. "Im Namen dieser Götter endet mit unserem Jahrhundert das blutigste Jahrhundert von allen." Im modernen Staatensystem gibt es Strukturen, die die Züge des Mittelalters fortschreiben; die Kultur der Kriegerkaste wird in der gegenwärtigen Außenpolitik weitergeführt.

Galtung kritisierte im Lauf seines Vortrages scharf den Friedensvertrag von Dayton. Der Versailler Vertrag sei dagegen glänzend gewesen. Es sei ein Illusion anzunehmen, daß die Bosnier, Serben und Kroaten nun zusammenleben könnten.

Der Kernpunkt seines Vortrages war die Erläuterung verschiedener gewaltverherrlichen der Bestandteile in den großen Weltreligionen , im Christentum, Judentum und im Islam, die ihre Wirksamkeit bis heute nicht eingebüßt haben. Als unabdingbare Gegenkräfte stufte Galtung die Kultur der Städte, Völkerorganisa tionen, die Non-Gouvernemental Organisations und die Frauenbewegung ein.

Entscheidend aber sei der Dialog, z.B. zwischen Christen und Muslimen. "Und Dialog setzt voraus, man akzeptiert, daß es auf der anderen Seite auch etwas gibt, wovon man lernen kann."

Katja von Viebahn


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