Oldenburger STACHEL Ausgabe 7/97     Seite 3
 
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Eine Blüte in Hannovers Äther

Radio Flora ging auf Sendung

In Hannover hat der Zwang zum Radiokonsumieren ein Ende. Zum Sommeranfang feierte das nichtkommerzielles lokales Radio Flora mit einem akustischen Feuerwerk seinen Sendestart. Fortan kann man in der Landeshauptstadt täglich mehrere Stunden werbefreies Radio hören, das nicht nur zum Zuhören einlädt, sondern auch zum mitgestalten.

Je mehr mitmachen, desto mehr floriert Flora

Statt gewöhnlichem Radioprogramm bietet Radio Flora Beteiligungsmöglichkeiten für alle Interessierte, es lebt geradezu von seiner Zugangsoffenheit. Nur sehr wenige Menschen sind dort fest angestellt. Der größte Teil des Programms wird von Ehrenamtlichen übernommen, die sich in Redaktionen, der Technik oder im organisatorischen Bereich betätigen.

Für Menschen, die neu beim Radio einsteigen oder einmal schnuppern möchten, gibt es ein wöchentliches Treffen am Sonntagnachmittag. Wer tiefer in die Materie einsteigen möchte und keine oder wenige Kenntnisse besitzt, kann die Angebote der AG Aus- und Fortbildung nutzen, die Seminare und Kurse zur Einführung z.B. in Technik, Recherche, Interview, Gebauter Beitrag, Schreiben fürs Radio, Moderation, Reportage anbietet.

"Ich höre was, was Du nicht hörst..."

Die große Anzahl von Redaktionen deutet die Vielfalt im Programm an. Es gibt z.B. Redaktionen für Musik, Nachrichten, Kinder, Jugend, Schwule, Ökologie und Wissenschaft, Frauen, Kultur, Internationales, Sport, Geschichte uvm. Anstelle eines perfekten, durchgestylten Formatradio, bietet Flora ein informatives wie abwechslungsreiches Programm für Menschen von Menschen. So kommt z.B. sonntags nach der Geschichtssendung, Radio Floh für Kinder mit Kindern als Moderatoren (wo gibt es sonst sowas?). Danach die Sendung mit herbem Humor und Blödsinn, danach eine Stunde Schwulenmagazin und eine Stunde Sport, bevor wieder etwas ganz anderes kommt. Auch werden einzelne Sendungen wiederholt und - was es in Deutschland nur noch auf Mittelwelle und vielleicht bald gar nicht mehr gibt - es werden Fremdsprachenprogramme ausgestrahlt (wie z.B. auch bei der Okerwelle in Braunschweig). Bei Flora werden insgesamt fünf Stunden in Spanisch, Persisch, Vietnamesisch, Tamilisch, Kurdisch, Russisch und Türkisch gesendet. ... Das einzige, was bei Flora völlig fehlt, ist die Werbung. Radio Flora sendet in der Woche von 16 Uhr, am Wochenende ab 13 Uhr bis Mitternacht (mittwochs bis 1 Uhr) auf 106,5 MHz.

Neues Funkhaus ...

Angesiedelt ist der neue Sender beim Kulturzentrum Faust, das sich auf dem Gelände einer alten Bettenfabrik in Hannover-Linden unweit der Ihme befindet. Das Funkhaus haben die FloristInnen, wie sich die Leute von Flora zu nennen pflegen, erst im April bezogen. Vorher waren sie im Nachbargebäude untergebracht, wo sie auf beengten Raum Büro, Plenumsraum und sogar ein kleines Studio eingerichtet hatten. Die Raumaufteilung ihres neuen Funkhauses konnten sie selbst nach ihren voraussichtlichen Bedürfnissen planen und einrichten. Neben Empfang, diverser Büroräume und Sitzungssaal haben sie darin zwei Studios eingerichtet. Eines für den laufenden Betrieb, das andere als Haveriestudio. Daneben gibt es zwei Produktionsplätze, an denen Beiträge vorproduziert werden. Darüber hinaus verfügen sie über zwei transportable Schnittplätze, 6 transportable Aufnahmegeräte und einem Ü-Wagen, dem Stolz der FloristInnen, der allerdings privat finanziert wurde.

... mit moderner Technik

Nach längerer Diskussion entschieden sie sich, auch digitale Technik im Produktionsbereich einzusetzen. Den Auschlag gaben wohl die guten Erfahrungen des schon seit November sendenden Radio Aktiv in Hameln. So können sie am Computer sowohl schneiden als auch abmischen. Der Vorteil: Exakter Schnitt und leichtere Handhabbarkeit auch für Leute, die nicht seit 20 Jahren Tonbänder auseinanderschnippeln, um sie danach wieder zusammenzukleben. Für Leute, denen der Computer fremd ist, steht auch die herkömmliche Technik zur Verfügung. Die Produktions- und Sendetechnik wird finanziert von der Niedersächsischen Landesmedienanstalt in einem Höchstrahmen von 270000 DM. Darin enthalten sind auch Zubehör (Mikrofone, Kabel,...) und der Postübergaberaum, von wo aus die Telekom für den Transport der Sendung per Kabel zum 260m hohen 300 Watt-Sender auf dem Telemax sorgt.

Flora wächst nicht allein heran

Radio Flora ist nur eines der sechs Projekte "Nichtkommerzieller Lokalfunk", die nach der Änderung des Landesrundfunkgesetzes 1993 in Niedersachsen zugelassen wurden. Sie und auch die neuen Offenen Kanäle, sind Gegenstand eines Modellversuches, der zeigen soll inwieweit diese Projekte die Medienlandschaft publizistisch ergänzen. Er ist angelegt auf fünf Jahre und läuft bis zum 31.3.2002. Was anschließend geschieht, ist noch Spekulation. Finanziert wird der Modellversuch aus 2% der auf Niedersachsen entfallenen Rundfunkgebühren.

In vier weiteren niedersächsischen Städten gibt es sendende Radioinitiativen, die ähnliche Konzepte wie Radio Flora haben. Wie berichtet, ging am 30.11.1996 der erste dieser nichtkommerziellen Lokalsender, Radio Aktiv, in Hameln auf 100,0 MHz, bzw. 94,8 MHz in Bad Pyrmont auf Sendung. Sogar in einigen Teilen des 50km entfernten Hannovers soll er empfangbar sein. Es folgten am 1.4. Stadtradio Göttingen (107,1 MHz), Radio Zusa in Uelzen (Uelzen 88,0 MHz, Lüneburg 95,5 MHz) und am 1.5. die Okerwelle Braunschweig. Auch letztere ist bis kurz vor den Toren Hannovers auf 104,6 MHz empfangbar. Für den 30. August plant Radio Jade in Wilhelmshaven seinen Sendestart auf 87.8 MHz. Ob die Ausbreitungsbedingungen auch hier so günstig sind, daß man gerade noch etwas vom Programm in Oldenburg empfangen kann, ist ungewiß.

Gemeinsam sind sie stärker ...

Die nichtkommerziellen Lokalradio-Initiativen haben sich zwecks gemeinsamer Interessenvertretung gegenüber der Politik und anderen Verhandlungspartnern, Informations-, Erfahrungs- und Programmaustausches zu einem Verein zusammengeschlossen, der sich Interessengemeinschaft Gemeinnütziger Hörfunk in Niedersachsen (INGEHN) nennt. Nicht nur die sendenden Initiativen sind darin vertreten, sondern auch diejenigen, die auch nichtkommerzielles Lokalradio machen wollen, aber bei der Sendegebietsvergabe nicht berücksichtigt wurden und mithin ohne Lizenz geblieben sind. Das sind z.B. Radio Eckenbrecher in Holzminden, Radio Schaumburg in Stadthagen, Radio Neustadt und Radio Oldenburg. Von ihnen ist Radio Neustadt einen interessanten Weg gegangen. Als "Radio Rübenberg" senden sie dreimal wöchentlich im Kreiskrankenhaus Neustadt einen Krankenhausfunk.

... gegen ihre Widersacher

Von den ausgeschiedenen Städten ist Oldenburg die größte. Hier gab es vier Initiativen, die senden wollten: zwei für Lokalradio, zwei für Offenen Kanal. Dem zugangsoffenen Lokalradio-Projekt Radio Oldenburg, dessen Konzept dem von Flora ähnelt, stellte die hiesige Tageszeitung eine weitere Lokalradio-Initiative entgegen. Von Zugangsoffenheit war hier allerdings kein Deut zu spüren: Interessierten wurde die Tür gewiesen. Auch wenn nach außen die Vorstandspositionen nicht mit Leuten aus der Zeitung, sondern aus dem öffentlichen Leben besetzt waren, traf man sich in der Chefetage besagter Zeitung, was nicht das einzige ist, woraus man schließen kann, wer die Fäden in der Hand hielt. Diese Methode, Gegeninitiativen aufzubauen und sich hinter anderen "neutralen" Personen zu verstecken, schien gängige Praxis bei den Zeitungsverlegern gewesen zu sein. Nicht nur in Oldenburg, auch in Hannover, Braunschweig und besonders in Wilhelmshaven weiß man darüber ein Liedchen zu heulen. An der Jade versuchten nicht nur die dortige als auch die hiesige Zeitung, der Initiative Radio Jade den Garaus zu bereiten. Offenbar wollten sich die Zeitungsverleger Frequenzen sichern, um nach Ablauf des Modellversuchs darauf hinzuwirken, daß die Sender kommerzialisiert werden und dann keine Konkurrenz zu haben.

Oldenburg: OK, kein Lokalradio

Die Offenen Kanäle waren nicht so heiß umkämpft worden, so daß es hier kaum Einigungsgespräche zwischen den Konkurrenten geführt werden mußten. Ihre Lizensierung ging glatter über die Bühne. In Oldenburg sendet der Offene Kanal ein Hörfunk- und Fernsehprogramm aus, womit Oldenburg eine Sonderstellung einnimmt. Anderenorts gibt es entweder nur OK Radio oder Fernsehen.

Eine Beteiligung am Offenen Kanal stieß innerhalb der Initiative "Radio Oldenburg" auf wenig Gegenliebe, da das Konzept ein ganz anderes ist. Offene Kanäle sind im wesentlichen Abspielstationen für Beiträge, die jemand beliebiges erstellt hat. Sie müssen gesendet werden (eine Zensur findet nicht statt). Gibt es Ärger, folgt er nach der Ausstrahlung, denn die Verantwortung liegt bei demjenigen, der die Sendung produziert hat. Für Menschen, die Lust haben, das Medium Radio oder Fernsehen von der anderen Seite kennenzulernen, bietet es viele Möglichkeiten. Ein Hörfunkprogramm zu gestalten, ihm inhaltliche Akzente zu geben, auf aktuelle Ereignisse zu reagieren und sofort zu berichten ist jedoch dem Nichtkommerziellen Lokalfunk vorbehalten. Dort wird zwar nicht alles gesendet, jedoch kann man sich selbst an der Mitgestaltung beteiligen.

Radio Oldenburg hält nun den Informationspool vor, der der Vernetzung und dem Austausch der sendenden und nicht-sendenden Ingehn-Initiativen dient.

Offene Kanäle, Offene Radios, Offene Zukunft...

Wie die Lokalradios, Offenen Kanäle angenommen werden und was der Modellversuch bringen wird, wird sich in drei Jahren zeigen. Dann nämlich sollen schon Ergebnisse einer Begleituntersuchung vorliegen, die das Land in Auftrag gibt. Die Ingehn will ihrerseits eine Begleitforschung vornehmen, um die Ergebnisse vergleichen zu können. Hier gibt es also ein Betätigungsfeld für (angehende) Medienwissenschaftler. Man darf gespannt sein, wie sich die Medienlandschaft entwickeln wird.

muh


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