Oldenburger STACHEL Nr. 9/95

Des Stachel's Spitze:

Polizei veranstaltete "Chaostage"

Rund 1200 gewaltbereite Polizisten reisten aus ganz Niedersachsen zu den Oldenburger "Chaostagen" vom 18. bis 20. August an. Mit Knüppeln und Pistolen bewaffnet lungerten sie in der ganzen Stadt herum, belagerten den Bahnhof und nahmen willkürlich Leute fest ("in Gewahrsam"), deren Äußeres ihnen nicht paßte.

Auf die Frage eines so der Freiheit Beraubten, was denn der Grund für seine Festnahme sei, antwortete ein Polizist: "Weil Ihr Scheiße seid, Ihr Arschlöcher!" Mit diesen schlichten Worten drückte er wohl die emotionale Befindlichkeit eines großen Teils der Beamten aus, von denen viele bereits zwei Wochen zuvor bei den "Chaostagen" in Hannover dabei gewesen waren.

Dort hatten sie anscheinend ihre Begeisterung für derartige Veranstaltungen entdeckt. Als in Hannover bei einem Verhafteten eine Einladung nach Oldenburg gefunden wurde, stand für die Polizei fest: Wir kommen auch! Sie ließen die Einladung, die bis dahin nur per Handzettel mit einer Auflage von 30 Stück verbreitet worden war, in die Zeitung setzen und rührten kräftig die Werbetrommel. Von den Medien wurde diese Anregung begeistert aufgenommen, hofften sie doch darauf, daß auch einige der fotogenen Punks anreisen und eine wild-romantische Plünderung vornehmen würden.

Auch Niedersachsens Innenminister Glogowsky stellte im Vorfeld öffentlich klar, was er von eventuell anreisenden Punks erwartete: wer lediglich friedlich feiern wolle, solle doch lieber gleich zu Hause bleiben, hieß es. Inzwischen meldeten sich viele der in Hannover eingesetzten Polizisten freiwillig für die Revanche nach Oldenburg.

Die Gelegenheit zur Rache ergab sich in der Hindenburgkaserne. Dorthin nämlich verschleppten die Polizisten die "in Gewahrsam" genommenen. Und während die Presseleute (und damit die "kritische Öffentlichkeit") am Waffelplatz darauf warteten, daß die wenigen von der Polizei dort übrig gelassenen Punks endlich mit den Plünderungen begannen - einige übereifrige Presseleute sollen dafür sogar Geld geboten haben - fanden in der Hindenburgkaserne die Ausschreitungen statt.

So wurde einer, der penetrant nach der Dienstnummer eines Polizisten fragte, so heftig mit einem Megaphon (!) ins Gesicht geschlagen, daß er blutete und ein Vorderzahn sich dabei lockerte. Vielen wurden stramme Handfesseln aus Nylon angelegt, die in der Vergangenheit immer wieder Abschnürungen und oft bleibende Schäden an den Nerven der Hand verursacht haben. Zum Glück gelang es in diesem Fall den so Mißhandelten, sich gegenseitig von den Fesseln zu befreien.

Bis zu sechs Stunden wurde den Gefangenen der Gang zur Toilette verwehrt. Dafür durften sie dann auch ebensolange nichts trinken. Als es dann endlich das erste Mal etwas zu trinken gab, soll es sich nach Berichten und Gedächtnisprotokollen um eine unsägliche Brühe gehandelt haben. Über die Zusammensetzung werden in den Berichten unterschiedliche Vermutungen angestellt: manche meinen, es habe sich lediglich um Wasser mit Sand gehandelt; andere sind davon überzeugt, daß zu den Bestandteilen auch Brech- und/oder Abführmittel gehört haben müssen. Auf jeden Fall handelte es sich wohl nicht um eines der für den menschlichen Verzehr üblichen Getränke.

Mitgenommen wurden nicht nur Punks oder Leute, die so aussahen oder sich dazugesellt hatten. Ein Oldenburger wurde fernab des Geschehens und obwohl er keine Ähnlichkeit mit einem Punk aufweist "in Gewahrsam" genommen. Die Begründung: von ihm ginge im Zusammenhang mit den Chaostagen eine Gefahr aus. Einem anderen Oldenburger (ebenfalls Nicht-Punk) wurde spätabends bei einer Personalienkontrolle in der Nähe des Alhambras mitgeteilt, daß er der Stadt Oldenburg verwiesen sei und diese gefälligst zu verlassen habe. Als juristischer Notbehelf für diese Unverschämtheit diente der "Platzverweis", der allerdings nach bisheriger Rechtsprechung nur für einen bestimmten "Platz" und nicht für ganze Stadtviertel (von Städten ganz zu schweigen) ausgesprochen werden kann.

Aus diesen beiden Vorfällen läßt sich ableiten, daß eine Liste von Oldenburger "Staatsfeinden" existiert haben muß und vermutlich immer noch existiert, auf der Menschen stehen, die in einem "Notfall" wie den Chaostagen weggesperrt oder weggeschickt werden sollten.

Beide Vorfälle passierten, als längst klar war, daß es an diesem Wochenende in Oldenburg keinen realen Aufstand zu bekämpfen gab.

An dieser Stelle sollten wir uns einmal ernsthaft fragen, was die Polizei bewog, in Oldenburg "Chaostage" zu inszenieren. War es wirklich Übereifer, ist die Vergnügungssucht einzelner Beamter eine passende Erklärung? Oder müssen wir nicht auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß die Chaostage genau das sein sollten, was sie waren: 1200 Polizisten auf 100 Punks. 1200 Polizisten, die eine Stadt besetzen - und niemand fragt, warum. 1200 Polizisten, und die Presse berichtet statt dessen über Punks.

Könnte es sich eventuell um ein Notstandsmanöver der Polizei gehandelt haben?

mau


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