15.8. Dienstag: Ich war im Alhambra zu einer Besprechung. Das für Freitag ganz normal angesagte Punkkonzert war in einer von FFN und anderen Reklamesendern und Sensationsblättern angezettelten Kampagne zu Chaostagen herbeigeredet worden, um "gewaltbereite" Leute zur Anreise zu bringen. Die Bereitschaftspolizei aus Hannover soll sich geschlossen angemeldet haben, um in OL heimzuzahlen, was sie in Hannover abgekriegt hat.
Einfach das Alhambra dichtmachen, die Fete ausfallen lassen und zusehen, wie die mit ihrem herbeigeredeten Chaos in der Stadt fertig werden, war keine Lösung. Wir lassen uns nicht von außen vorschreiben, was wir machen und ein Konzert deswegen absagen schon gar nicht.
Es ward also beschlossen: Das Alhambra erklärt sich für die Chaostage nicht zuständig, hat sie weder vorbereitet noch dazu beigetragen. Wie jedes andere Konzert findet von der AJF veranstaltet ein Punkkonzert Freitag 23 Uhr statt. Weder in den Tagen davor noch danach ist im Alhambra für Punks eine Veranstaltung geplant oder vorbereitet.
Doch die Presse heizt die Chaostage weiter an. Der zuständige Minister erklärt, daß alle friedlichen Punks zu Hause bleiben und nur die gewaltbereiten kommen. Damit sind per Definition alle Oldenburger Punks und ihre Besucher böse und zur Jagd freigegeben.
Dabei waren in Hannover lediglich 30 Kopien einer Einladung zur Fete in Oldenburg verteilt worden. Eine hat die Polizei erwischt und mit entsprechenden Kommentaren an die Presse gegeben und daraus dies ganze Scenario herbeigeredet.
Die Bullerei kündigte an, ganz Oldenbug abzusperren. Keiner sollte mehr unkontrolliert in unser weitläufiges Gartenstädtchen einreisen dürfen. Tungeler Marsch, Hunte und Drielaker Moor, als als Rückzugsgebiet für Wagenburgen berüchtigt, sollten keine Schlupflöcher mehr bieten.
Als altoldenburger Chaotenfossil durfte ich mir das natürlich nicht entgehen lassen und setzte mich am Mittwoch von 17 bis 21 Uhr in eine fröhliche Schar von etwa 30 Menschen, die auf dem Plaster beim Brunneneck feierte und dabei Unmengen Dosenbier vertilgte, große Sprüche klopfte aber ansonsten einen friedlichen Eindruck machte. Der verging, als ein Sixpäck (sechssitziger Bus) streitbarer Uniformierter anrückte, auf die Menge losging und barsch die Ausweise forderte: "Aus der Menge seien Bierdosen geworfen und Passanten belästigt worden. Auch sei die Musik eines scheppernden Recorders zu laut gewesen." Mehrere Streifenwagen sperrten von beiden Seiten, alle Anwesenden wurden kontrolliert die Daten aufgeschrieben, ausddrücklich weiteres Dosenwerfen Belästigen und Feuermachen und laute Musik verboten. Danach kehrte wieder Frieden ein.
Gestern hatte die Bullerei sich anders aufgeführt, demonstrativ drohenden Blicks dicke Handschuhe angezogen aber dann auch nur Personalien gefilzt. Ach ja "alle freilaufenden Hunde sofort ins Tierheim". Schals und Bänder wurden gesucht und um struppige Hälse geschlungen. Einige bekannte Kontrolettis in Zivil schlichen noch herum. Ansonsten wurde weiter Bier vertilgt, das dem ZDF abgetrotzt wurde weil es umbedingt filmen wollte. Am nächsten Tag war es noch ruhiger. Die Fernsehteams brauchten Aktion und die Punks ließen sich nicht aufnehmen, wenn nicht mindestens eine Platte Bier rüberkam. Da kein Sixpack für klare Fronten sorgte wurde alles so langweilig, daß einige anfingen ihre Psychokisten auszupacken, ihr Dasein zu beklagen. Einer versuchte jemandem zu erklären, was der gar nicht hören wollte, bis der ihm schreckliches androhte, wenn er ihn nicht in Ruhe ließe. Fäuste wurden gereckt gegen unsichtbare Polizisten und als einer versuchte ein paar Pappen anzuzünden, wurde es rasch unterbunden.
Manche PassantInnen zeigten offen ihren Abscheu, wenn sie angesprochen wurden, andere zeigten freudlich ihr Verständnis. Ich hatte etliche Gespräche mit Menschen, die sich um Verständnis bemühten und trank zwei Dosen Bier vom ZDF.
Manche rannten durch die Stadt und kamen nur manchmal um ein Bier zu schlabbern ein gelber Müllsack wurde gefüllt. Freitag sollte es losgehen, laut Presse wurden 400 Punks erwartet. Geschäfte räumten schon die Schaufenster aus. Mal sehn ob der große Ansturm kommt.
Der Presserummel ist vorbei und mit ihm die Bilder, die er erzeugt hat und die Menschen die zusammengekommen sind und hier agierten in der schwerbewachten Stadt und auf dem heißen Platz zu dem alle zusammengetrieben wurden.
Nachdem sie noch vormittags am Brunneneck mitten zwischen den Einkaufenden ihren Kreis veranstalten durften, wurde mittags der Umzug zum Waffenplatz behördlicherseits angeordnet.
Die Kamerateams verteilten unentwegt Dosenbierkartons in die Menge, um die entsprechenden Bilder zu bekommen. Fröhlich tanzten Punks auf dem Platz herum, Neuankommende stürmten mit großem Hallo durch die Menge, Bekannte knutschten sich ab. Eine kleine Gruppe stürmte lautstark die Mottenstraße entlang, die Bullerei holte hektisch Verstärkung mit dicken Lederjacken und langen Knüppeln. Der PLUS-Markt-Leiter verlor bei soviel Umsatz die Nerven und wollte nicht mehr an Punks verkaufen. Die dagegen protestierten ein wenig. Vor dem Laden eine kleine neugierige Menge, die gleich von der Staatsgewalt weggeschubst wurde. Ein Junge von etwa 15 lief nicht gleich weg und wurde für die passende Szene vor den laufenden Kameras auf den Boden geschmissen, ein paar Stiefeltritte Hände auf den Rücken gebunden. Ein Oldenburger Stadtrat, der dagegen heftig protestierte, lag schon fast daneben als der Einsatzleiter die Peinlichkeit erkannte und ihn gleich wieder freiließ, während der malträtierte Junge abgeführt wurde. Wo doch nach den in OL herrschenden Spielregeln nur der Ratsherr von der Linken Liste verhaftet werden darf.
Ab und zu flog auch mal eine leere Dose über den "Waffen"platz. Eine Punkfrau ließ sich vor laufender Kamera die langen Haare zu einem Stichelkranz hochtoupieren. Andere teilten den Anwesenden ihre Empörung mit, nicht mehr vom Platz gelassen zu werden. Rasch füllte sich der Waffenplatz mit weiteren schwarzen Schilden. Dicke Knüppel zerteilten mit entschlossenen Gesten die feiernde Menge hoffnunglose Übermacht demonstrierend. Der Einsatzleiter hatte einen erhöhten Punkt zu seinem Feldherrnhügel erkoren und ließ abräumen, wer ihm nicht paßte. Auch die neugestylte Punkerin wurde so vor noch laufender Kamera abgeräumt und als ob das noch nicht genug sei, ließ er noch drei friedlich sitzende Schülerinnen mitnehmen "Die gehören auch mit zur Gruppe!" Micht schaute er nur zweifelnd an, ob er mich auch noch mitnehmen solle, als ich ihn anschrie, nach welcher Rechtsgrundlage er friedlich sitzende Menschen verhaften ließe, ohne wie vorgeschrieben drei Male zur sofortigen Räumung des Platzes aufzufordern.
Der Presseoffizier erkärte darauf allgemein, daß mit den etwa 70 Feiernden ein übergeordneter Notstand für die Großstadt Oldenburg vorliege und es dem Einsatzleiter nach eigener Verantwortung obliege, alle abräumen zu lassen, die nach ihrem bisherigen Verhalten Anlaß zu der Befürchtung gäben, demnächst in Gewalttätigkeit umzuschlagen. Für solche Herrenmenschen eine tolle Möglichkeit, allen die ihm gegebene Macht zu demonstrieren.
Es war eine bestürzende Erfahrung mit anzusehen, wie wahllos alle möglichen Leute ergriffen und weggeschafft wurden. Es war ruhig auf dem Platz. Von den Feiernden waren mehr als die Hälfte meist die fröhlich ausgelassenen weg, die Stimmung in betretenes Schweigen umgeschlagen. Überall lagen noch Sachen der Verhafteten, die wir zuzuordnen versuchten.
Die Kamerateams irrten planlos zwischen den wenigen Zurückgebliebenen, die noch punkmäßig aussahen und machten mit jedem der bereit war ein Interview.
Es kam zwar mit neu hinzukommenden wieder etwas Stimmung auf den Platz, aber die Frage wo sind die Verschwundenen und wann kommen sie frei, beschäftigte alle.
Bis 19 Uhr waren noch keine Nachrichten über den Verbleib eingetroffen. Erst eine Stunde später trafen die ersten Freigelassenen vor dem Alhambra zur Punkfete ein wo sie über ihre Unterbringung in der Hindenburgkaseren berichten konnten. Sie waren mehrere Stunden unversorgt eingesperrt worden. Die Turnhalle der Hindenburgkaserne war mit Gittern und einem Vorhang in zwei Teile für Frauen und Männer in der Mitte geteilt worden. Das funktionierte nicht, weil die Gitter leicht zu übersteigen und der Vorhang zurückgezogen werden konnte.
Spannend wurde es erst, als alle unter 16 Jahren von ihren Eltern abgeholt wurden und dann immer wieder einzelne ältere rausgelassen wurden. Wer würde für die Nacht eingeknastet bleiben und an dieser miesen Stätte die Punkfete versäumen? Ein Richter kam nach 8 Stunden, gab zehn vorbereitete Verwahrungsverfügungen für 24 Std aus. Der Rest konnte gehen. Inzwischen leerte sich der Waffenplatz. Da die Innenstadt abgesperrt war, mußten alle außen herum zum Alhambra, wo der ganze Wendekreis voller erwartungsvoller Punkfetenbesucher saß. Wir hatten inzwischen alles Liegengebliebene eingesammelt und mit einem Wagen mit Sondererlaubnis rausgeschafft.
Über die Fete können andere berichten, mir war nicht mehr danach. Samstag war sehr heißes Wetter angesagt. Aber es wollte keine Stimmung mehr aufkommen. Abends versuchte die Bullerei alle zu den Dobbenwiesen zu treiben, aber den Stureren gelang es, wieder im Schloßgarten zu übernachten.
Ich war auch Sonntag noch unterwegs, habe mit vielen im Bahnhof geredet die total durchgefilzt wurden, als sie ankamen, die weil nichts los war schon mittags wieder abreisten. Auf dem Waffenplatz noch 15 müde Gestalten. Ein Oldenburger war im Bahnhof überprüft worden. Die Bezirksregierung hatte ihn im Polizeicomputer als "gefährlich" registrieren lassen,"er sei festzusetzen". Das wollte niemand unterschreiben, erst die politische Abteilung machte diese Dreckarbeit, jemanden ohne konkretes Handeln in einer längst entspannten Situation wegsperren zu lassen.
Es wurde auch angekündigt, Verhafteten Kosten für den gewaltigen Polizeieinsatz aufzudrücken. Die Werbesender hatten alles so aufgebauscht und verfälscht, so ungeheuere Erwartungen in jeder Richtung herbeigeredet, daß ihnen die daraus entstandenen Kosten aufzudrücken, die einzige gerechte Antwort wäre.
Aber die Bullerei konnte mal wieder den Notstand üben nach eini- gen taktischen Fehlern in Hannover. Oder waren die beabsichtigt, um der Presse passende Bilder von Barrikaden aus Autos und einem geplünderten Supermarkt zur Rechtfertigung einer weiteren Aufrüstung und Gewöhnung an bürgerkriegsähnliche Aufmärsche zu liefern?
PS