Vor fast ausverkauftem Haus gelang Mathias Richling mit seinem neuen Kabarett-Programm "Wer einmal lügt, dem Richling" am 4. Mai 1994 in der Aula der Cäcilienschule eine gesunde Mischung aus politischen Kalauern und anspruchsvoller Satire. Erstere bezogen sich dieses Mal in großer Zahl auf den verehrten Bundeskanzler. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit geizte Richling nicht mit "Wahrheiten" über Kohl, auf die das Publikum bei anderen Programmen lange warten mußte. Richling deckte die politischen Aktualitäten aus der "Bonner Naturkatastrophe" (Bundesregierung) in vollstem Maße ab. Er schlängelte sich dabei vom Streit um die ARD, der desolaten Situation der FDP über die Gesundheitsreform bis hin zur Steuerlüge, Organspenden und des Streits um die Freigabe weicher Drogen. Zwar gerieten nicht alle Themen zum großen Lacherfolg, ließen jedoch auch nicht an Tiefgang fehlen.
Großes Lob gebührt Richling für den Monolog eines "Gedenkstättentouristen", der Orte nationalsozialistischer Greueltaten nach der landschaftlichen Schönheit beurteilt, die Teilnahme an Verantaltungen zum Gedenken als normale Freizeitgestaltung begreift und die historische Bedeutung von Dachau oder der Wolfsschanze in den Hintergrund treten läßt. Richling behandelt dieses sensible Thema mit derartig schwarzen Humor, daß dem Publikum teilweise das Lachen im Halse stecken blieb. Dieser eindeutig beste Teil des Programms geriet zu beißender Gesellschaftsanalyse, die Ernsthaftigkeit in einem ansonsten eher heiteren Abend entstehen ließ. So erhiehlt Richling für diesen Teil eher andächtig-ernsten Beifall, der sich deutlich von dem sich unter Lachsalven mischenden Beifall unterschied. Richling begab sich mit diesem Monolog auf eine Gratwanderung zwischen Realsatire und unangemessener Alberei mit einem sehr ernsten Thema. Dies gelang ihm jedoch mit Bravour.
Für sein knapp zweistündiges Programm verdient Richling erneut, wie bei schon zuvor, ein großes Kompliment. Über die Tagespolitik vergaß Richling nicht, auch auf sehr ernste Themen aufmerksam zu machen. "Jeder will eine Rede halten, wo doch alle schweigend gedenken sollten!" Dieser Satz sollte in den nächsten Tagen vielleicht doch einmal beherzigt werden, in den letzten Wochen wurde er es nicht.
Sebastian Weber