In einem gut dreißig Seiten umfassenden Gutachten nehmen die Forschungsinstitute prognos und Cultur Consult zur inhaltlich-programmatischen Situation und zur Organisationsstruktur der Kulturkooperative Oldenburg und der Kulturetage Stellung. Erstere hat dieses Gutachten selbst in Auftrag gegeben. Auf einer Pressekonferenz am 27. April 1995 wurde dieses Gutachten vorgestellt. Die Gutachter äußern sich sehr umfangreich zur Programmgestaltung. Sie emfpehlen insbesondere eine Ausweitung der Arbeit des "Ensembles der Kulturetage", um dessen wirtschaftliche Eigenständigkeit zu sichern. Darüber hinaus halten die Gutachter eine Erweiterung des Gastspielangebotes für wichtig, ebenso eine verstärkte Zielgruppenarbeit, um etwa einen erhöhten Besuch von Studentinnen und Studenten bei Veranstaltungen der Kulturetage zu erreichen. An der Organisationsstruktur kritisieren die Gutachter vor allem die etwas unübersichtliche Verknüpfung von Kulturkooperative, Kulturetage, MitarbeiterInnen und Künstlern. Desweiteren mahnen die Gutachter eine wirtschaftliche Konsolidierung der Kulturetage an, um ihren Fortbestand zu garantieren. Dies wollen sie insbesondere zur die Gründung einer GmbH erreichen, die die von der Kulturkooperative als gemeinnützige Verein getragene Kulturetage unabhängiger und eher betrieblich organisiert werden lassen soll. Die Bedeutung der Kulturetage als kulturelle und soziale Identifikationsmöglichkeit in Oldenburg mit hohem künsterlischen Anspruch wird hierbei hervorgehoben.
Der Vorstand und die Geschäftsleitung der Kulturkooperative/Kulturetage haben in enger Kooperation mit den Gutachtern bereits erste Veränderungen angestrebt, so z.B. ist der Spielplan des "Ensembles" erweitert worden. Langfristig, so der Vorstand, denke man dann über umfassende organisatorische Veränderungen nach. Dies bedürfe jedoch eines längeren Prozesses zur Meinungsbildung. Darüber hinaus drücken auch die Kulturetage finanzielle Sorgen. So besetzen dreizehn feste Mitarbeiter derzeit 10,5 Stellen. Lohnverzicht und persönliches Engagement sind die Regel.
Die Pressekonferenz mutete jedoch etwas befremdlich an. So wurde kaum noch inhaltlich über mögliche Erweiterung des Angebotes der Kulturetage diskutiert, sondern vielmehr nur finanzielle Fragen erörtert. So ergab sich zeitweise eine Diskussion zwischen den Gutachtern, Vertretern von Stadt und Land und dem Vorstand der Kulturkooperative. Der Text und die Schwerpunktsetzung im Gutachten selbst, ist auch von finanziellen Überlegungen geprägt. Leider wurden auch langjährige Mitglieder (Theatergruppen) der Kulturetage bei den Betrachtungen vollständig außen vor gelassen. In meinen Augen sollten alle Beteiligten Vorsicht bei entsprechenden Reformen walten lassen. Der Charakter der Kulturetage, gerade auch als Stätte für experimentelle Kultur und Kleinkunst, sollte im Rahmen von Organisationsstraffung (event. Gründung einer GmbH) und Aspekten der Wirtschaftlichkeit nicht verloren gehen. Die Geschichte der Kulturetage zeigt deutlich, wie wichtig eine solche Stätte für Oldenburg und die Region ist. Eine Wandlung zu einer vorwiegend kommerziellen Einrichtung, die ihren Spielplan an der Rentablität orientiert, sollte vermieden werden. Die ebenfalls im Gutachten empfohlene Ausweitung der Kooperation mit anderen Kulturstätten sollte intensiviert werden, um auch finanziell wenig attraktive Programm zu erhalten.
Sebastian Weber