Oldenburger STACHEL Nr. 5/95

KurzBerichtet


Tschernobyl-Tote

Das ukrainische Gesundheitsministerium gab anläßlich des 9. Tschernobyl-Tages bekannt, daß es seit der Reaktorkatastrophe in der Ukraine 125 000 Strahlentote gegeben habe. Die deutsche Strahlenschutzkommission, die die Bundesregierung seit 1974 berät, wollte uns gleich vor der erdrückenden Last dieser Information schützen und erwiderte, diese Zahl sei einfach "in die Welt gesetzt" worden. In der Ukraine habe es 80 Schilddrüsenkrebsfälle gegeben, in Weißrußland seien 330 Kinder daran erkrankt und zwei davon gestorben. Es ist schon erstaunlich, um wieviel besser diese Deutschen von den Verhältnissen in der Ukraine Bescheid wissen.


Baltischer Ring

Die Preußenelektra AG (PREAG) baut ihr Auslandsgeschäft weiter aus. Nach der Ausbreitung in Ostdeutschland sind die Kooperationen mit Skandinavien und dem übrigen Ostseeraum ein wichtiger Teil der Zukunftsstrategie der PREAG. Ende 1994 wurde das Baltic Cable in Betrieb genommen, eine Verbindung zu schwedischen Energieversorgungsunternehmen, wo die PREAG mit 17,5 % Kapitalbeteiligung eingestiegen ist. Die Planungsarbeiten für ein deutsch-norwegisches Stromkabel haben gerade begonnen, 2003 soll das Seekabel fertig sein. Der "Baltische Ring" dürfte anschließend um die anderen Ostseestaaten vervollständigt werden. Eine Zusammenarbeit mit dem Petersburger Unternehmen Lenenergo ist bereits vereinbart (inclus. 5 % Kapitalbeteiligung). Die SZ schreibt dazu: Strategisch interessant könnte diese Verbindung auch dadurch werden, daß Lenergo billigen Atomstrom nach Finnland liefere und die PREAG daran interessiert sein dürfte, das AKW langfristig zu ersetzen.


Asyl für Kurden

Kurden aus den türkischen Gebieten, für die Kriegsrecht gilt, sollen nach einer Entscheidung des schleswig-holsteinischen Oberverwaltungsgerichts(OVG) grundsätzlich als Asylberechtigte anerkannt werden. Ein Gerichtssprecher in Schleswig sagte, das Gericht habe als erstes OVG eine Fluchtalternative für Kurden in der Türkei verneint. Kurden aus den zehn betroffenen Provinzen würden allein aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit verfolgt und hätten innerhalb des Landes keine Fluchtmöglichkeit. Auch in der Westtürkei bestehe die Gefahr, daß Kurden aus den Notstandsprovinzen willkürlich verhaftet und gefoltert werden. Deshalb hätten sie Anspruch auf Anerkennung als Asylberechtigte unabhängig von individuellen Verfolgungsgründen. Revision gegen das Urteil ließ das Gericht nicht zu.


94 Mrd.DM Rüstungsexporte

Deutsche Unternehmen haben 1994 für 94 Milliarden DM Güter "von strategischer Bedeutung" in alle Welt geliefert. Über die Liste aller genehmigten Rüstungsexporte von der Munition bis zur Atomtechnik berichtete die Bild-Zeitung (!). 6000 Firmen seien daran beteiligt gewesen.


Rollende Raststätte

Einen verspäteten Aprilscherz vermutete der VCD Niedersachsen im neuen Angebot der Deutschen Bahn, das es möglich macht, für 99 DM im IC 1. Klasse von Hannover nach Berlin zu fahren: Einzige Voraussetzung dafür ist die Mitnahme eines Autos. Wie sonst, so der VCD, sei es zu verstehen, daß Bahnreisende bis zu 400 % mehr zahlen müssen, nur weil sie auf die Mitnahme ihres Autos verzichten ? Auf diese Weise würden umweltbewußte Reisende bestraft. Doch der VCD fand eine Lösung:

Im April versuchten fünf Mitglieder das neue Angebot der Bahn auch ohne Auto zu nutzen, was ohne Probleme möglich war. Voraussetzung dafür war lediglich, beim Fahrkartenkauf den Typ und das Kfz-Kennzeichen eines beliebigen Autos anzugeben. Als Reisende ohne Auto wurden die fünf weder auf der Hin- noch auf der Rückfahrt kontrolliert. Zur Sicherheit hatten sie ein Spielzeugauto dabei. Also: Wer unbedingt einmal in der ersten Klasse nach Berlin will, dem ist dieses neue Bahn-Angebot sehr zu empfehlen - mit 5 Personen für 149 DM nach Berlin und zurück nach Hannover.


Melodiewelle amtlich

Am 1. September werden die Klassikwelle Radio Bremen 3 und das Kulturprogramm Radio Bremen 2 zusammengelegt. Auf dem dritten Hörfunkprogramm soll es dann deutschsprachige Schlager zu hören geben. Dieses entschied Anfang Mai der Rundfunkrat von Radio Bremen.


Radtouren-Programm ist da!

Wer den Stachel aufmerksam gelesen hat, wird nicht entgangen sein, daß wir unserer Zeit weit voraus sind: Schon im Dezember kündigten wir das Erscheinen des neuen Tourenprogramms des ADFC an. Während Du Dir das Programm beim ADFC im PFL-Umwelthaus organisierst und Radtouren durch das schöne Umland unternimmst, werden wir wohl damit beschäftigt sein, den Wahrsager unter uns ausfindig zu machen. Er kann uns bestimmt wertvolle Infos zu den zukünftigen Geschehen in Oldenburg geben.


Besser rasen

am Drögen Hasen?

Die Stadt Oldenburg plant einen Ausbau des Drögen-Hasen-Wegs am Bahnübergang. Dort soll die Warnblinkanlage durch eine Schranke ersetzt werden und gleichzeitig ein Übergang extra für (die ach so zahlreichen, d.S.) Füßgänger geschaffen werden. Des weiteren wird die Straße dort von 4,40m auf 5,50m verbreitert. Profitieren werden davon vor allem diejenigen, die die Straße als Abkürzung von Bloherfelde zum Einkaufszentrum oder dem Pappbrotrestaurant benutzen.


Diplom-Pädagogik am Ende?

Nach inoffiziellen Meldungen steht am 24.5. eine Debatte im Uni-Senat über die Reduzierung oder Streichung des Diplom-Studienganges Pädagogik an. Die Pressestelle der Universität bestätigte unsere Informationen bisher nicht. Uns wurde berichtet, daß einige Professoren wichtige Reisen wegen der Sitzung abgeblasen hätten. Die Sitzung des Senats ist öffentlich.


Umweltpreis vergeben

Den diesjährigen Umweltpreis der Stadt Oldenburg geht an Hans-Rudolf Henneberg. Der 75jährige bekam den mit 2000 DM dotierten Preis für seine ehrenamtliche Beteiligung am Naturschutz, besonders im Bereich Artenschutz. Unter den weiteren elf Kandidaten waren neben Privatpersonen u.a. Funkmietmietwagen Hatscher, AG Reiherteich, das Greenteam Komoran, der NABU, der Fahrradkurier und der Oldenburger Stachel.


Rat übergangen

Knapp eine Woche bevor der Rat seine Zustimmung geben sollte, hat die Stadtverwaltung eine Kastanie gefällt. Sie stand auf der zukünftigen Erschließungsstraße zur Weser-Ems Halle (Verlängerung der Taastrupper Straße).

Auf der Ratssitzung am 2.5.95 kritisierte Gernot Koch, der Fraktionsvorstizende der Grünen, die Stadverwaltung habe den Rat übergangen.

Da der Baum Eigentum der Stadt war, hätte der Rat dessen Rodung vorher beschließen müssen. Die Grünen werteten diesen Vorgang als Ausrutscher, denn sowohl Umwelt- als auch Verwaltungsausschuß hatten beschlossen, daß der Baum fallen soll. Stadtbaurat Schutte erklärte, daß die Kosten gestiegen wären, wenn man auf den Ratsbeschluß hätte warten müssen. Dennoch habe er das Handeln des zuständigen Mitarbeiters mißbilligt.

Dem Fällen der restlichen Bäume, die auf der geplanten Kreuzung Straßburger Straße/Taastrupper Straße standen, stimmte der Rat einstimmig zu.


Dangast erleben ohne Auto

Unter diesem Motto stehen am 21. Mai verschiedene Aktionen in Dangast, die Möglichkeiten aufzeigen und bieten sollen, das Auto stehen zu lassen. Geplant ist auch eine Radtour von in Richtung des kleinen Künstlerdorfes auf einer Strecke, die vom ADFC ausgewiesen wurde.

Weitere Informationen: Bündnis 90/Die Grünen, Am Tannenkamp 59, 26316 Varel


PDS mit Büro

Die PDS Oldenburg hat jetzt erstmals ein eigenes Büro. Sie ist in der Donnerschweerstr . 16, gleich neben dem Kurdischen Verein, untergebracht. Das Büro ist regelmäßig nur freitags von 16-18 Uhr geöffnet.


Kurdischer Verein umgezogen

Der Kurdisch-Deutsche Freundschaftsverein ist jetzt in neuen Räumen in der Donnerschweerstr. 16 untergebracht.


Spielefant 10 Jahre alt geworden

Am 1. Mai 1985 veranstaltete das Spielmobil SPIELEFANT des Vereins zur Förderung des Freizeitsports e.V. sein erstes Spielfest in Oldenburg. In den folgenden 10 Jahren beiteiligten sich nahezu eine halbe Million Kinder und Erwachsene aktiv an den unterschiedlichen Aktionen. Der Spielefant kommt überall dorthin, wo den BesucherInnen ein spielerisches und bewegungsreiches Angebot gemacht werden soll.


Workcamps '95

Internationale Workcamps statt herkömmlicher langweiliger Urlaube bieten die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste e.V. (IJGD). In den Workcamps arbeiten die Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 26 Jahren an einem gemeinnützigen Projekt im Bereich Umwelt- und Naturschutz, im sozialen oder pädagogischen Bereich.

IJGD-Nord, Katharinenstr. 13, 31135 Hildesheim, Tel: (05121) 15123


Christopher Street Day Nordwest '95

Am 28. Juni jährt sich ein für Lesben und Schwule weltweit beteutungsvolles Ereignis. 1969 zettelten Hunderte von Lesben und Schwule, die sich Sicherheitskräften nicht fügen wollten, einen größeren Tumult an. Dieses Ereignis wurde weltweit zum Signal.

Im Zeitraum vom 9. bis 25. Juni werden in über 40 Veranstaltungen eine große Bandbreite lesbischer und schwuler Lebens- und Denkweisen präsentiert. Dazu gibt es ein ausführliches Programmheft bei Rosige Zeiten, Postfach 3804, 26028 Oldenburg.

Gespräch mit Preußenelektra

Am 26.4.95 diskutierten die "Mütter und Väter gegen Atomkraft" und VertreterInnen des Arbeitskreises Friedenswoche mit Abgesandten der Preußenelektra und des Atomkraftwerkes Esenshamm. Anlaß war der bevorstehende neunte Tschernobyl-Tag. Viel Neues ergab das Gespräch allerdings nicht, es wurden die seit ca. zwanzig Jahren bekannten Argumente wiederholt. Das eigentlich Erstaunliche war, daß die BefürworterInnen der Atomkraft außer der Klimakatastrophe so wenig neue Begründungen vorbrachten und sich mit regenerativer Energieerzeugung immer noch nicht befassen wollten.

Der technische Leiter des AKW Esenshamm, Herr Dr. Schlegel, betonte in seinem Eingangsstatement, daß "sein" AKW sich betriebswirtschaftlich rechne, nicht nur für die Preußenelektra, sondern auch für die Umwelt (angeblich CO2 eingespart). Es gäbe ein "Restrisiko", er sei aber mit seiner Betriebsmannschaft jederzeit in der Lage, die Anlage "sicher zu fahren".

Herr Krutschinna, im AKW für das "Kommunikationszentrum" zuständig, meinte, Atomausstiegswünsche bei der Mehrheit der Deutschen kämen durch die Verbreitung von Horrorszenarien zustande, die jeder Grundlage entbehrten. Der Informationspavillon am AKW sei eigens zu dem Zweck errichtet worden, den Menschen die Angst vor dieser Technik zu nehmen.

Selbst ein Flugzeugabsturz auf die Schaltanlage oder die Kuppel des AKW bei laufendem Betrieb (unter der sich das Kompaktlager mit den gebrauchten Brennelementen und viel Plutonium befindet) stelle keine Gefährdung dar. Mit einer unterirdischen Schaltanlage könne der Reaktor jederzeit sofort heruntergefahren werden.

Zu den weltweit fehlenden Endlagern befragt stellte Frau Dr. Uhlmann von der Preußenelektra/Abteilung Öffentlichkeitsarbei t fest, daß es doch bereits ein fertiges Endlagerkonzept gebe. Die Realisierung scheitere nur am Widerstand der Bevölkerung. Wie dieses Konzept von der Seite der Atomwirtschaft aussieht, erläuterte dann Herr Dr. Micklinghoff von der Hauptverwaltung der Preußenelektra: Das Lager, z.B. der Salzstock in Gorleben, werde befüllt, dann dicht verschlossen und wäre so sicher, daß es nicht einmal mehr bewacht werden müsse!

Außerdem sei die Versicherungssumme bei einem Supergau nicht wie bisher verlautbart auf 500 Mill. DM begrenzt. Der Schaden würde vielmehr gänzlich von der Preußenelektra ausgeglichen. Die Nachfrage eines Zuhörers, ob auch die in der Risikostudie Phase B errechnete mögliche Schadenssumme von drei Billionen DM beglichen werden würde, wurde zur Verblüffung aller Anwesenden bejaht. Dr. Micklinghoff wurde ausdrücklich von den Veranstaltern um die schriftliche Bestätigung dieser Aussagen gebeten.

Im Bereich der alternativen, regenerativen Energien gäbe es bislang keine Technik, die sich für die Preußenelektra betriebswirtschaf tlich rechnen würde. Atomenergie sei weiterhin die preisgünstigste und sicherste Form der Energiegewinnung.

Es war für die Anwesenden oft schwer erträglich, sich in Ruhe die altbekannten Märchen vom Segen der Atomkraft anzuhören, nachdem allein Tschernobyl schon so viele Opfer gefordert hatte und weiter fordert. Doch zwei Jahrzehnte wissenschaftliche Diskussion war an diesen Menschen vorbeigegangen, und ein Abend konnte daran auch nichts ändern. Sie wurden nicht einmal verlegen, als eine Krankenschwester von ihrer oft unerträglichen Arbeit mit Krebskranken berichtete und sie fragte, wie sie die Verantwortung aushielten, eventuell für solche Erkrankungen verantwortlich zu sein. Ohne vollständige Verdrängung von Zweifeln und Schuldgefühlen läßt sich die Arbeit in dieser Firma und in diesen Anlagen wohl nicht ertragen.


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