Oldenburger STACHEL Nr. 5/95

Hakenkreuze bleiben

Die Hakenkreuze auf den Grabsteinen des Ehrenmals auf dem Osternburger Friedhof werden bleiben. Dieses beschloß der Kirchengemeinderat am 2. Mai mit zwei Drittel Mehrheit. Ergänzt werden soll die Grabstätte durch eine erklärende Tafel.

Im Februar hatte Wolf Hertlein die Symbole des dritten Reichs gefunden, die auf 14 Grabsteinen eingemeißelt sind, die einen Weg zum Grabmal aus dem Ersten Weltkrieg säumen.

Kontroverse Diskussion

Der Entscheidung der Kirchengemeinde ging eine Podiumsdiskussion am Maifeiertag voraus. Neben den geladenen DiskussionsteilnehmerInnen (Wolf Hertlein, Landesrabbiner Brandt, Sara Ruth Schumann von der jüdischen Gemeinde, Christel Schwarz vom Freundeskreis Sinti und Roma, Eckard Otter vom Verbund dt. Kriegsgräberfürsorge und kirchliche Vertreter) waren viele Interessierte in den Gemeindesaal gekommen.

Die VertreterInnen der jüdischen Vereinigungen sahen sich nicht verantwortlich für die Hakenkreuze. Es sei eine nicht- jüdische Angelegenheit, daher könnten sie höchstens etwas anmerken, meinte Landesrabbiner Brandt: "Ihr müßt wissen, was richtig ist."

Gräber als Zeitdokument

Die Ansichten darüber gingen in der Tat auseinander. Viele, die für den Erhalt der Hakenkreuze eintraten, argumentierten, die Grabsteine mit den Hakenkreuze seien ein Zeugnis der Zeit, aus der sie stammten, und führten vor Augen, daß die Macht der Nationalsozialisten auch vor der Kirche und dem Alltag nicht Halt gemacht hat. Die Kreuze würden die Erinnerung an die Greueltaten wachhalten. Würden die Symbole abgeschlagen werden, meinte ein Herr, würden die Menschen nicht mehr aufgerüttelt und setzten sich folglich weniger mit den Schrecken der Vergangenheit auseinander. Man müsse bedenken, daß die noch verbliebenen Zeitzeugen bald stürben. Die Jugendgruppe Newcomer befürchtete, daß ohne hautnahe Zeitdokumente der Nachweis für die Existenz des Dritten Reichs fehle. Schon heute gäbe es zu viele Menschen, die seine Existenz leugneten.

"Ehrenmal kein Mahnmal"

Viele, die für das Entfernen der Hakenkreuze waren, konnten sich die Anlagen nicht als Mahnmal vorstellen. Sie sei zu Ehren der Soldaten eingerichtet worden und nicht, um vor einem neuen Dritten Reich oder dem Krieg zu warnen. Die Stelle zu einem Mahnmal zu erklären, verglich ein Kirchengemeinderatsmitglied damit, einem grausamen Kriegsfilm zu einem Antikriegsfilm umzuinterpretieren, damit er weiterhin in Kino und Fernsehen gezeigt werden kann. Besser zur Mahnung geeignet seien z.B. eine Tafel am Ort, wo Deserteure gehängt wurden, oder eine Spur, wo Juden während der Reichspogromnacht entlanggetrieben wurden.

"Umgang mit Mahnmal ist entscheidend"

Landesrabbiner Brandt äußerte Bedenken gegen zu viele Mahnmale. Wichtig sei nicht ihre Anzahl, sondern die Art, wie die Menschen mit ihnen umgingen. Gedenken an Opfer sollten aus dem Herzen kommen und keine jährlichen Pflichtübungen sein.

"Tote können sich nicht wehren"

Er wies außerdem darauf hin, daß sich die Diskussion im wesentlichen um die Hakenkreuze drehe, nicht aber um die Menschen. Der Erhalt der Kreuze bedeute, daß die begrabenen jungen Männer weiterhin mit Nazis gleichgesetzt würden, ohne zu schauen, was sie im Einzelnen getan haben. "Sollen die jungen Menschen auf immer damit beleidigt werden?" fragte er und sagte: "Lebende können sich wehren, Tote nicht."

Sind Soldaten Opfer?

Erörtert wurde auf der Podiumsdiskussion auch die Frage, inwieweit die toten Soldaten Opfer des Regimes sind. Einige sahen sie als solche, weil sie nicht freiwillig gegangen, sondern gezwungen worden seien. "Die Politik hat das damals gemacht, nicht wir", meinte ein älterer Herr. Dem wurde entgegengehalten, daß Hitler vom Volk gewählt wurde. Jemand fand, es entstünde der Eindruck, der zweite Weltkrieg sei eine Naturkatastrophe. "Der Krieg ist nicht ausgebrochen, sondern von Menschen entfesselt worden." Maßgeblich daran beteiligt seien Soldaten gewesen, die deshalb keine Opfer seien. Die eigentlichen Opfer seien Juden, Behinderte, Andersdenkende und andere Verfolgte.

Grausige Erinnerungen

Opfer und Betroffene kamen ebenfalls zu Wort. Ein älterer Herr wollte vergessen, daß seine Menschen unter dem "Mörderkreuz" umkamen und forderte, die Kreuze abzuschlagen. Eine Dame gab zu bedenken, daß die Hakenkreuze vor dem geistigen Auge erscheinten, würden sie so herausgemeißelt, daß Spuren blieben. Sie wünschte sich eine komplette Umgestaltung der Anlage.

Andere Überlebende, so wurde berichtet, hätten geweint, daß es die Hakenkreuze auf dem Friedhof gebe, oder hätten es partout nicht glauben wollen.

Kritische Auseinandersetzung ist gefordert

Die Entscheidung über die Grabanlage sei schwer, meinte Landesrabbiner Brandt und vermutete, man würde es falsch machen, egal wie man sich entscheidet. Wenn es um die Auseinandersetzung mit der Jugend über das Dritte Reich gehe, solle man mit ihr diskutieren und sie ernstnehmen. Das sei viel wichtiger, als die Frage, was letztlich mit den Hakenkreuzen auf den Gräbern geschehe.

muh


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