Am 19.3.95 marschierten die türkischen Truppen in Südkurdistan ein. Diese Operation ist weder eine gewöhnliche grenzüberschreiten de Verfolgung noch eine "normale" Grenzverletzung. Sie ist eine Besatzung eines beträchtlichen südkurdischen Gebietes. Genau darin liegt der Grund, warum das Interesse der Medien und Staaten auf diese Invasion gerichtet ist.
Als sich alle Aufmerksamkeit auf den Einmarsch in Südkurdistan richtete, startete die türkische Armee mit 25 000 Soldaten eine Großoperation im Gebiet Dersim in Nordkurdistan (türkisch Tunceli). Auch hier ist in erster Linie die Zivilbevölkerung betroffen. Viele ZivilistInnen sind bereits getötet worden. Außerdem lastet das seit nunmehr neun Monaten andauernde Embargo über die Region schwer auf der Bevölkerung. Mit den Arbeiten auf den Feldern - es ist die Zeit der Aussaat - begeben sich die Menschen in Lebensgefahr. Auch hier bombardiert die türkische Armee wie in Südkurdistan mit Kriegsflugzeugen Dörfer und Berge. Auch hier erhalten ausländische Beobachterdelegationen und die internationale Presse keinen Zutritt zur Region.
Es erscheint mehr als merkwürdig, daß es gegen die türkische Invasion in die UNO- Schutzzone Südkurdistan internationale Reaktionen gibt, daß diese aber im Hinblick auf Nordkurdistan ausbleiben. Dabei benutzt die Türkei dieselben Kriegsmittel und verstößt hier wie dort gegen die Genfer Abkommen. Wenn hier ein Unterschied gemacht wird, könnte dies den türkischen Staat dazu verleiten, im Land all das zu machen, was er will. Damit es im Gebiet Dersim nicht zu einem zweiten Halabja kommt, sollte die internationale Staatenwelt sofort etwas unternehmen.
Deshalb sind insbesondere das Internationale Rote Kreuz, das UNHCR und humanitäre Organisationen in die Pflicht genommen, auch nach Dersim und in andere nordkurdische Gebiete Beobachterdelegationen zu entsenden, damit noch Schlimmeres verhindert werden kann. Die europäischen Länder und besonders Deutschland sollten ihren Einfluß bei der türkischen Regierung geltend machen, damit das sinnlose Morden an der kurdischen Zivilbevölkerung ein Ende findet.
Dringender Spendenaufruf
für die Flüchtlinge in Südkurdistan
Am 19.3.95 marschierte das türkische Militär mit einer 35.000 Mann starken Truppe in Südkurdistan ein. Die türkische Regierung spricht von der größten und gewaltigsten Militäroperation in der Geschichte der Türkischen Republik.
Bereits nach wenigen Tagen wurde deutlich, was das türkische Militär mit dieser Invasion bezweckt: Während in den Gebieten Hanxurk und Haftanin vermeintliche PKK-Militärlager bombardiert werden, durchsuchen türkische Soldaten jedes Haus in den Dörfern und Städten und mißhandeln ZivilistInnen. In mehreren Telefonanrufen aus dem Kriegsgebiet berichteten Augenzeugen von Bombardierungen auf Dörfer in der Umgebung von Zakho und anderen Gebieten entlang der Grenze. Damit verstößt die Türkei gegen internationale Abkommen wie die Genfer Konventionen. Das UNHCR und IKRK forderten die türkische Regierung auf, die Zivilbevölkerung von den Angriffen auszuschließen, aber das türkische Militär setzt seine Razzien in den Dörfern und Städten fort.
Wieder einmal werden Tausende Menschen durch das türkische Militär in die Flucht getrieben und verlieren ihr gesamtes Hab und Gut. Kilometerlange Flüchtlingstrecks bewegen sich ins Landesinnere. Viele dieser Menschen sind innerhalb von wenigen Monaten zum zweiten Mal ihres Lebens nicht sicher. Im Frühjahr 94 hatten sie sich aus nordkurdischen Gebieten vor den ständigen Angriffen des türkischen Militärs nach Südkurdistan gerettet. Ein Teil der damaligen Flüchtlinge fand Schutz im UNHCR-Flüchtlingslager Atrush bei Dohuk, ein anderer Teil kam bei Verwandten oder Bekannten in den Dörfern um Zaxo oder in der Stadt selbst unter, ein Teil suchte in Höhlen oder unter Plastikplanen Schutz vor Kälte, Wind und Regen. Zum zweiten Mal müssen sie fliehen, und mit ihnen Tausende aus der von der Türkei zum Kriegsgebiet erklärten Region. Einen Teil der Flüchtlinge aus den nordkurdischen Gebieten evakuierte das UNHCR aus dem Kriegsgebiet und brachte sie in das nun völlig überfüllte Lager Atrush.
Mehrere Anrufer aus Zakho berichteten dem Kurdischen Roten Halbmond telefonisch von brutalen Angriffen türkischer Soldaten auf die wehrlose Zivilbevölkerung.
Am 23.3. rief Jiyan Oemer aus dem Dorf Derkare an: "Die türkischen Soldaten umzingelten unser Dorf, durchsuchten die Häuser, trieben uns auf dem Dorfplatz zusammen und mißhandelten uns. Sie verschleppten sieben Personen, die aus der Türkei hierher geflüchtet waren;nanschließend setzten sie zahlreiche Häuser in Brand. Wenn das so weitergeht, werden sie uns alle vernichten. Bitte, ihr müßt unbedingt etwas tun !"
Am 30.3. berichtete ein anderer Anrufer: "Die türkischen Soldaten sind viel brutaler, in ihren Methoden viel barbarischer als die Soldaten Saddams. Unsere Dörfer sind umzingelt. Wir werden auf dem Dorfplatz gesammelt und auf schlimmste Weise erniedrigt und gefoltert. Die Soldaten übernachten in den Häusern und die Bewohner im Freien. Unsere Kinder sind vor Kälte und Hunger krank geworden. Die Soldaten verbrauchen unsere Vorräte."
Die Flüchtlinge haben all ihr Hab und Gut verloren. Sie brauchen dringend Hilfe. Der Kurdische Rote Halbmond ruft zu Geldspenden für die Flüchtlinge auf, um die Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten zu versorgen.
Spendenkonto: Sparkasse Linz am Rhein, Kontonummer 18 60 98, BLZ 574 514 10. Stichwort: Flüchtlinge in Südkurdistan.