Offener Brief an das UNHCR und IKRK
Sehr geehrte Damen und Herren,
unseren Bericht an Sie vom 22. März 1995 ergänzen wir auf der Grundlage weiterer Informationen, die uns telefonisch erreicht haben. Der türkische Staat ist am 20.3.1995 mit großem militärischem Aufgebot in den Nord-Irak eingedrungen. Das Operationsgebiet erstreckt sich auf eine Breite von 320km und schiebt sich etwa 40km ins Landesinnere vor. In diesem Gebiet gibt es viele Dörfer und Städte. In diesem Gebiet leben mehrere zehntausend Menschen. Sowohl die türkische Luftwaffe als auch die Artillerie bombardieren täglich Dörfer. Mit Panzern, anderem militärischen Gerät und 35000 Soldaten wurde die Gegen in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Wie kann es so möglich sein, daß die Zivilbevölkerung keinen Schaden erleidet. Auch wenn auf die Zivilbevölkerung kein physischer Druck ausgeübt werden sollte, so ist doch der wirtschaftliche und psychische Druck nicht zu übersehen. In solchen Situationen können die Menschen keine natürlichen sozialen Beziehungen aufrechterhalten. Das Erziehungs- und Gesundheitswesen kommt zum Erliegen. Die Menschen und vor allen Dingen die Kinder leben in ständiger Angst vor Angriffen. Die Wirtschaft wird zerstört. Der Warenaustausch wurde unterbunden. Die Dorfbewohner sollen ihre Felder nicht bestellen und keine Viehzucht betreiben können. In den Städten sind die Waren bereits ausgegangen. Sämtliche Erwerbsquellen werden zerstört. Es herrscht ein absolutes Embargo. Aber am allerschlimmsten ist der Angriff auf die Menschen.
Es ist nicht glaubwürdig, wenn die türkische Regierung behauptet, die Zivilbevölkerung erleide keinerlei Schaden. Seit dem 20. März erhalten wir Anrufe aus Zaxo. Die Aussagen stehen in totalem Widerspruch zu den Behauptungen der türkischen Regierung. Die Aussagen der letzten beiden Anrufer sprechen für sich. Wir fordern die internationalen Organisationen auf, eine Beobachterdelegation vor Ort zu schicken, um die Angriffe gegen die Zivilbevölkerung zu dokumentieren. Ein sofortiges Handeln der internationalen Staatenwelt zur Beendigung dieser türkischen Militäroperation ist unabdingbar. Am 23. März 1995 um 18.00 Uhr kam aus Zaxo ein Anruf von einem Jiyan Ömer aus dem Dorf Derkarê. Er berichtete:
"Gestern haben die Soldaten unser Dorf umzingelt. Danach sind sehr viele Soldaten in unser Dorf eingedrungen. Sie haben jedes einzelne Haus durchsucht und die Dorfbewohner auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. Auch mich haben sie aus meinem Haus getrieben und mich zum Dorfplatz gezerrt. Währenddessen hörte ich aus anderen Häusern schreckliche Schreie von Frauen. Höchstwahrscheinlich wurde ihnen Schlimmes angetan. Gleich danach sah ich die Häuser von Mele Ahmet, Abdullah Hilal, Ömer Sindi und Sait (?) in Flammen aufgehen. Sie haben die Häuser mit Panzern und Raketen beschossen. Sie wurden dadurch völlig zerstört. Von einem Dorfbewohner namens Isa Cibê wurden 150 Mio. Lira beschlagnahmt. Vielen Frauen wurde ihr Goldschmuck weggenommen. Als die Bevölkerung sich dagegen wehrte, haben sie mit Gewehrkolben auf uns eingeschlagen, uns mit Füßen getreten und uns mit Stöcken traktiert. Durch das entstandene Chaos haben mein Bruder Hisyar und ich uns entfernen können. Wir haben uns im Dorf verstec kt. Als es dunkel wurde, sind wir auf geheimen Wegen nach Zaxo gegangen. Wir sind bei unseren Bekannten untergekommen. Während wir noch auf dem Dorfplatz standen, haben sie vor unseren Augen Mehmet Ali, Mehmet, Namet, Ümit, Ömer, Abdullah Mehmet, Süleyman, Sefik, Sadik und Ahmet verschleppt. Sieben dieser Personen waren aus der Türkei hierher geflüchtet. Sie sind im UNHCR-Flüchtlingslager registriert. Als sie mit den Militärfahrzeugen wegfuhren, haben wir gesehen, daß drei von ihnen aufgrund schwerer Kopfverletzungen stark geblutet haben. Ich weiß nicht, was sie mit ihnen anstellen werden. Wenn das so weitergeht, werden sie uns alle vernichten. Bitte, ihr müßt unbedingt etwas tun." Danach brach die Verbindung ab.
Der zweite Anrufer: "Seit den letzten zwei Tagen sind Grik, Dersiv, Derkarê und unser Dorf umzingelt. Die türkischen Soldaten sind viel brutaler, in ihren Methoden viel barbarischer als die Soldaten Saddams. Jeden Tag durchsuchen sie unsere Häuser und treiben uns dreimal am Tag zum Zählappell auf dem Dorfplatz zusammen. Auf dem Dorfplatz werden wir auf schlimmste Weise erniedrigt und gefoltert. Besonders schwer sind die Frauen davon betroffen. Ohne die Erlaubnis der Soldaten dürfen wir nicht einmal unseren Wasserbedarf decken. Als gestern sechs Menschen aus unserem Dorf auf ihren Feldern in der Nähe des Dorfes arbeiteten, wurden sie mit der Begründung, sie hätten dafür keine Erlaubnis, gefoltert. Ein christlicher Dorfbewohner namens Töme Merkos wurde schwer zusammengeschlagen, weil er kein Moslem ist. Sie sagten ihm wörtlich: 'Entweder bekehren wir dich, oder wir bringen dich um.' Töme ist im Augenblick schwer krank. Falls sie ihn nicht umgebracht haben, ist er aufgrund seiner schweren Verletzungen bettlägerig. Sie haben für ihre Versorgung auch 23 Schafe und Ziegen mitgenommen, so als ob sie ihnen gehörten. Gestern haben wir es geschafft, aus dem Dorf zu entkommen und im 15 km entfernt gelegenen Zaxo unterzukommen. Vor mir waren schon andere Dorfbewohner dorthin geflüchtet. Aus den uns nahe gelegenen Dörfern Dersiv, Grik und Derkarê haben es auch einige Menschen geschafft, sich nach Zaxo zu retten. Wir haben hier die Möglichkeit, miteinander zu reden. In den Dörfern Dersiv und Grik sind die Repressionen wesentlich schlimmer. Die Soldaten übernachten in den Häusern und die Bewohner im Freien. Unsere Kinder sind vor Kälte und Hunger krank geworden. Die Soldaten verbrauchen unsere Vorräte. Auch in der Stadt Zaxo ist die Lage sehr schlecht. Alle Läden sind geschlossen. Auch wenn sie offen wären, es gibt ja nichts mehr zu verkaufen. Es war sehr schwer und gefährlich, diesen Anruf zu machen. Wir glauben, daß sie jeglichen Kontakt zur Außenwelt zu verhindern suchen. Wahrscheinlich wollen sie ein Massaker verüben. Wir verstehen das nicht. Sind sie gekommen, um gegen die PKK zu kämpfen, oder um die Dorfbevölkerung zu unterdrücken? Der, der dies nicht glauben will, soll kommen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Wir bitten euch, kommt und seht euch alles an."
HEYVA SOR A KURDISTANE unterstützt diesen Aufruf. Wir fordern alle humanitären Organisationen, das UNHCR, IKRK und politische Parteien auf, zum Schutz der Zivilbevölkerung in diese Situation einzugreifen.
Hasan Dagtekin
Geschäftsführer
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