Das Busfahren wird attraktiver werden, wenn es nach dem kürzlich im Verkehrsausschuß vorgestellten Gutachten zum Öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) geht. Dieses schlägt vor, direkte Buslinien zwischen den Stadtteilen mit dezentralen Umsteigestellen einzurichten und die Regionalbusse in den Stadtverkehr einzubeziehen. Bislang müssen Fahrgäste, die von einem Stadtteil in den benachbarten wollen, den Umweg über das Stadtzentrum nehmen. Der Umstieg auf Überlandbusse ist nur an wenigen Haltestellen möglich. Mit diesem Gutachten gibt die Planungsgemeinschaft Theine ihrem Auftraggeber, der Stadt Oldenburg, und den Verkehrsbetrieben eine Arbeitsgrundlage in die Hand, aus der ein neues ÖPNV-Konzept entwickelt werden könnte, das den sooft beschimpften Busverkehr stark verbessern könnte.
Das Gutachten besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil, der im September 1992 vorgestellt wurde, beinhaltet konzeptionelle Überlegungen, während im neuen zweiten Teil konkrete Vorschläge zur Umsetzung gemacht werden. Er umfaßt einen Fahrplanentwurf, einen Einsatzplan für die Fahrzeuge ("Wagenumlaufplan") zur Ermittlung der Leistung, vergleicht diese mit dem des Winterfahrplans 1993/94 und schätzt ab, wie das neue Angebot angenommen würde, und bilanziert Kosten und Einahmen.
Die Besonderheit der Vorlage ist die neue Linienführung. In Innenstadtnähe werden mehrere Linien auf einem Streckenabschnitt aus dem Zentrum gezogen. Sie verzweigen sich jedoch in den Außenbezirken und führen in unterschiedliche Wohngebiete oder zu einem Umsteigepunkt, der an einem anderen Linienstrang liegt. An diesen "dezentralen Verknüpfungspunkten" sollen Fahrgäste schnellen Anschluß an andere Stadt- oder Regionalbusse finden. Zusätzlich soll die Anbindung an den Hauptbahnhof (auch ohne "Oldenburger Stern") verbessert werden, indem ihn mindestens eine Linie aus jedem Stadtteil anläuft. Dabei sollen die Busse aus dem Süden die Moslestraße, die aus dem Norden den Stau benutzen, damit auch der Lappan angesteuert werden kann. Er soll auch zukünftig als zentrale Umsteigestelle von allen Linien bedient werden. Ihre Anzahl soll nach dem neuen Konzept um zehn auf 25 erhöht werden, wovon 12 Linien zum Bahnhof fahren und dort enden.
Ein Beispiel möge die Vermaschung der Buslinien verdeutlichen. Auf der Alexanderstraße fahren drei Linien vom Lappan bis zum Brookweg. Dort teilen sie sich auf: eine führt über den Bürgerbuschweg zum Eßkamp, eine andere führt über Alexanderhaus und den Bf. Ofenerdiek zum Stadtrand und die dritte über die Leuchtenburger Straße nach Heidkamp. Die Station Brookweg ist, wie auch Bf. Ofenerdiek und Eßkamp, Umsteigestelle. Am Brookweg halten auch Busse zweier anderer Linien, die beide zur Theodor Pekol-Straße fahren und vom Julius-Mosen-Platz kommen. Allerdings verläuft die eine Linie über Ofener Straße, Auguststraße, Elsäßer, vorbei am Friedrich-August-Platz, durch den Melkbrink zum Rauehorst, während die andere die Ofer/Ammerländer erst am Umsteigepunkt Artillerieweg verläßt, um zum Rauehorst zu gelangen.
Als wichtig für die Fahrgäste erachten die Gutachter jedoch nicht nur eine Vermaschung der Buslinien, sondern auch eine gute Abstimmung der Busse aufeinander, damit die Wartezeiten kurz sind und sich eine direkte Fahrt zeitlich lohnt. Auch sollen sich die Fahrgäste die Abfahrtzeiten der für sie relevanten Busse leicht merken können. Daher sollen nun auch die Regionalbusse im Takt fahren und die Stadtbusse in einem einheitlichen Takt verkehren. Die Wechsel zwischen 20-, 30- und 60-Minuten-Takt im Laufe eines Tages werden als unpraktisch eingeschätzt. Für die Stadtbusse ist ein Fahrplan mit Halbstundentakt aufgestellt worden. Eine "Taktverdichtung", also ein kürzerer Takt, wird auf den citynahen Streckenabschnitten dadurch erreicht, daß mehrere Linien darauf zeitversetzt fahren. Drei Linien befahren jeweils halbstündlich die Alexanderstraße bis Brookweg, effektiv jedoch kommt etwa alle zehn Minuten ein Bus. Abends und am Wochenende werden einige Linien nicht oder im Wechsel mit anderen bedient, so daß das Angebot zurückgeschraubt wird.
Wegen der vielen Linien schlägt das Gutachten vor, daß es dem Fahrgast erleichtert wird, die Abfahrtzeit zu seinem Wunschziel herauszufinden, indem der Fahrplan attraktiv gestaltet wird. Gedacht ist an eine Auflistung der Busse nach Abfahrtzeiten mit Angabe über Linie und Fahrtziel, ähnlich wie bei der Bahn, wobei der Taktverkehr eine Vereinfachung ermöglicht. Mit je einer Tafel für jede Linie, wie jetzt, würden die Menschen am Lappan schlichtweg erschlagen - dort müßten 50 Stück aufgestellt werden.
Die Umstellung des Busnetzes würde nach Berechnungen der Gutachter höhere Kosten nach sich ziehen. Weil die tägliche Fahrleistung um 4000km auf 18160km und die Fahrt- und Standzeiten zusammen um 215 Stunden auf 1006 Stunden wachsen, rechnet die Planungsgemeinschaft mit 17900DM Mehrkosten pro Wochentag und also 4,5 Millionen DM pro Jahr (ohne Wochenende). Zugrunde liegen der Rechnung 60 DM pro Betriebsstunde und 1,25 DM pro Kilometer, was ungefähr den Werten der V.W.G entspricht, wie aus Jahresstatistiken ersichtlich ist.
Ausgeglichen würden, so steht im Gutachten, 2,3 Millionen DM, die von den neu hinzugekommen Fahrgästen mit ihrem Fahrschein bezahlt werden. Zu den heutigen Zuschüssen an die V.W.G. kämen also weitere 2,2 Millionen DM.
Baut die Stadt den "Oldenburger Stern" und müßten alle Linien diesen bedienen, stünden der VWG täglich 730km und 32 Betriebsstunden mehr ins Haus, weil der Umweg von 1,5 km etwa vier Minuten in Anspruch nimmt. Die vorausberechneten Kosten hierfür belaufen sich auf 710000 DM jährlich. Ob die Zahl der Fahrgäste dadurch noch mehr steigt, wird im Gutachten nicht erläutert. Zu bedenken ist dabei, daß der Bahnhof auch ohne den Stern gut angebunden wird.
Zur Umsetzung des Gutachtens empfiehlt die Planungsgemeinschaft einen Zeitraum von vier Jahren, wobei einige Teile, etwa Angebotsverbesserungen am Vormittag und abends, schon für sich betrachtet realisiert werden können. Begleitend zur Umsetzung fordert das Gutachten begleitende Werbung, um viele Menschen auf den Bus zu ziehen. In aller Deutlichkeit wird darin ausgeführt, daß der ÖPNV nur gestärkt werden kann, wenn gleichzeitig die Nutzung des motorisierten Individualverkehrs (Autos) erschwert wird. Eine Bewußtseinsänderung bei den Menschen wird als sehr wichtig angesehen.
Die Stadtverwaltung scheint vom Gutachten nicht sehr angetan zu sein. Das wurde nicht zuletzt aus den Äußerungen im Verkehrsausschuß deutlich. Auch tat sie sich anfangs schwer damit, uns ein Exemplar zur Verfügung zu stellen. Erst als wir später nach den Gründen fragten und sie wissen ließen, daß wir auf ein Exemplar von ihnen nicht mehr angewiesen seien, bot man uns bereitwillig eines an als sei alles überhaupt kein Problem.
Den Ratsmitgliedern wurde bereits zur Verkehrsausschußsitzung eine Kurzfassung in die Hand gegeben, die allerdings im wesentlichen die Linienführung thematisiert, weniger die Fahr- und Wagenumlaufpläne. Gestützt auf das vorliegende Papier und die Ausführungen der Planungsgemeinschaft, äußerten sie einerseits Zweifel, ob die Stadtteilverbindungen wirklich von der Bevölkerung erwünscht seien, andererseits war auch zu hören, daß es in Oldenburg keinerlei Erfahrungen damit gebe. Die Linie 13 als Ruftaxi-Einrichtung könne kaum zur Beurteilung herangezogen werden. Schließlich richtet sich die Wahl des Verkehrsmittel nach dem vorhandenen Angebot, und es bleibt unklar, ob viele Leute nicht auch deswegen Auto fahren, weil sie keine direkte Busverbindung haben.
In den Zuschauerreihen wurde die Linienführung durch Wohngebiete als problematisch angesehen. Jedoch liegt es nicht an den Bussen, sondern an der Stadtverwaltung, die behauptet, Busse bräuchten eine breit ausgebaute Straße - mit dieser Argumentation lassen sich die "schwächeren Verkehrsteilnehmer" leicht gegeneinander ausspielen. Es wird sich also auch besonders in der Stadtverwaltung einiges an Bewußtseinsänderung tun müssen.
Über das Gutachten wird demnächst wohl noch viel diskutiert werden - besonders in Einzelfällen, wie über die Anbindung des Famila-Centers und der BBS IV oder ob der Bus, der heute das Altenheim Schützenweg bedient, wirklich durch den Artillerieweg fahren soll. Die konkrete Umsetzung kann von den vorgelegten Vorschlägen in Einzelfällen abweichen, worauf sogar im Gutachten selbst hingewiesen wird. Auf jeden Fall ist es das Gutachten wert, gelesen und gedanklich nachvollzogen zu werden.