Zu Margerethe von Trottas Film "Das Versprechen"
Offenbar fehlt den sog. Deutschen eine besondere Eigenschaft - die Fähigkeit zum Umgang mit Geschichte. Die Bewältigung der nationalsozialistischen Vergangenheit ist bis heute nicht gelungen, vielleicht darf sie es auch nicht, der Umgang mit dem Erbe der DDR ist mißlungen, wenn man sein Augenmerk z.B. auf die Frustration der BürgerrechtlerInnen richtet, die nach eigenen Angaben etwas anderes erreichen wollten, als sie heute haben. Auch die Literatur oder das Kino tun sich schwer mit der Verarbeitung dieses Stoffes. Bisher gibt es wenig gelungene Werke zum Fall der Mauer, der Wiedervereinigung oder aktuellen Situation. Vermutlich spiegelt dies auch die gesellschaftlichen Schwierigkeiten des seit nunmehr fünf Jahren vereinigten Volkes.
Margarethe von Trottas Film "Das Versprechen" ist ein erneuter Versuch einer Reflexion über diesen Teil der Geschichte. Der gut zweistündige Film, dessen Drehbuch zusammen mit Peter Schneider geschrieben wurde, eröffnete die Berlinale und lief am Tag darauf auch in Oldenburg an. Das Interesse der Zuschauer scheint eher mäßig und auch die hohe Kritik der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen ist eher reserviert. So bewertet etwa die Hamburger Zeit den Film als "mittelmäßig" (Ausgabe vom 17.2.1995) oder die Frankfurter Rundschau attestiert von Trotta, sich "einem ständig ins Naive verrutschenden Realismus" verschrieben zu haben (Ausgabe vom 10.2.1995).
Vier Jugendlichen gelingt 1961 die Flucht von Ost- nach Westberlin durch die Kanalisation. Ein fünfter bleibt mit dem "Versprechen" zurück, nachzukommen. Sophie, der die Flucht glückt, kommt bei der reichen Tante im Westen unter, ihr Freund Konrad büßt sein Mitwissertum bei der NVA ab. Sie arbeitet im Westen und er macht als Astrophysiker im Osten Karriere. Zwei Mal mißlingen erneute, eher halbherzige Fluchtversuche Konrads, bis sich beide während eines wissenschaftlichen Kongreßes in Prag wiedersehen können. Die Freude währt kurz, sie werden durch den Einmarsch der Sowjet-Truppen 1968 wieder getrennt. Sophie ist schwanger und kann Konrad ein letztes Mal besuchen, bevor die Stasi auf Konrad angesetzt wird und Sophie die Einreise nach Ost-Berlin verweigert. Letztlich lieben sich beide über die Mauer hinweg, allerdings heiratet Sophie später einen Franzosen, während Konrad seiner Karriere Vorschub leistet. Er sieht seinen Sohn das erste Mal während eines West-Berlin- Aufenthaltes. Im Folgenden zeigt der Film die Schwierigkeiten und Annäherungen zwischen Mutter, Vater und Sohn nach, bis sie am 9. November 1989 auf der Glienicker Brücker voreinanderstehen.
Sicher, der Film hat Schwächen. So wird das Publikum innerhalb von zwei Stunden durch gut dreißig Jahre europäische Geschichte gehetzt, verliert dabei ein wenig die Charaktere aus den Augen und stört sich an der musikalischen Untermalung. Verschiedene Klischees werden überzeichnet oder wirken einfach lächerlich. So trägt etwa das erste Auto, das Sophie in West-Berlin sieht, das Kennzeichen "B-RD 266". Verschiedene Nebenrollen, so z.B. eine Pastorin der kirchlichen Bewegung vor der Wende, muten ebenfalls etwas künstlich an und verhindern letztlich die Einfühlung die Publikums.
Dennoch ermöglicht der Film einen Einblick. Die Dramatik der Jahrzehnte des Eisernen Vorhangs und die der Wende werden am persönlichen Schicksal deutlich. Eine ungewohnte Stille im Kino nach Ende einer Vorführung dieses Films zeugt zumindest von Ergriffenheit. Vielleicht haben viele, die den Film sehen, das erste Mal das Gefühl, sie hätten etwas mitbekommen. Die Fernseh-Bilder der offenen Grenze 1989 waren sicherlich nicht dazu geeignet, der wohlstandsorientierten Bevölkerung des "Westens" zu vermitteln, was die Öffnung der Grenze für die DDR-Bevölkerung bedeutete. Abgesehen von den erwähnten Schwachstellen, ist dieser Film in meinen Augen daher sehenswert.
Sebastian Weber