Oldenburger STACHEL Nr. 3/95

Rapsöl: Später Heiligenschein

Ein Gespenst geht um in Oldenburg: die Geschichte vom umweltfreundlicheren Rapsöl- Auto. Diabolo wie NWZ berichten es einstimmig: Wer dem Diesel Rapsöl beimische, setze bei der Verbrennung nur solches CO2 frei, das die Pflanze vorher der Atmosphäre entnommen habe. "Solches CO2 bliebe klimaneutral, förderte also nicht den Treibhauseffekt." "Abgesehen von NOx setzt seine Verbrennung deutlich weniger Schadstoffe frei als herkömmlicher Diesel" - so ist zu lesen.

Reklame - aber auch gut?

Entnommen wurde diese Einschätzung aus einer dicken hochglanzgeschmückten Werbemappe des Oldenburger Mietwagenunternehmens Hatscher und der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen. Hatscher macht mit dem Einsatz von Rapsöl Reklame, und dies recht erfolgreich. Einem kommerziellen Unternehmen kann mensch Werbung nicht zum Vorwurf machen, doch alle anderen hätten es besser wissen können.

Angesichts der Klimakatastrophe, der zunehmenden Kritik am Auto-Individualverkehr und in Reaktion auf die Misere der Landwirtschaft versuchten CDU-Regierungen Ende der 80er Jahre, mit der Bezuschussung von Pilotprojekten zum Einsatz nachwachsender Rohstoffe zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Sie behaupteten, sie täten was für die Umwelt und sparten Öl. Gleichzeitig hofften sie, so wirkliches Energiesparen, eine Verminderung des heißgeliebten Autoverkehrs und eine Einschränkung der Intensiv-Agrarindustrie vermeiden zu können. Der überproduzierenden Landwirtschaft wurden neue Absatzmärkte in Aussicht gestellt.

Hälfte verschwiegen

Der Trick: die Hälfte der Forschungsergebniss e wurde "eingespart". Nicht, daß CDU, NWZ, Diabolo, Hatscher und die Union zur Förderung... die Unwahrheit gesagt hätten. Sie haben einfach etwas Wesentliches nicht berichtet: Wenn nur die VERBRENNUNG von Rapsöl betrachtet wird, stimmt die Umweltbilanz. Doch schnell hatten damals zahlreiche umweltbewegte PraktikerInnen den Trick durchschaut. Sogar der SPD-Bundestagsabgeordnete Schütz erklärte 1991 in einer Erwiderung auf eine Rapsöl- Initiative von CDU-Dierkes:"Zum einen sei die vielzitierte CO2-Neutralität von Biokraftstoffen eine Vorspiegelung falscher Tatsachen. Es sei zwar richtig, daß die Pflanze während des Wachstums soviel CO2 bindet, wie nachher im Motor wieder freigesetzt wird. Zu berücksichtigen sei jedoch, daß die Produktion des Rapsöls bereits einen Einsatz von Fremdenergie in Höhe von 30 bis 50 % des Gesamtenergieertrags des Ernteguts erfordere. Hinzu komme der Energieaufwand für die Aufbereitung der Pflanze zum Kraftstoff. Herstellung und Verbrennung der Betriebsmittel sowie Verbrennung des Biokraftstoffes setzen selbstverständlich mehr CO2 frei als durch das Pflanzenwachstum verbraucht wird."

Herstellung von Rapsöl

Untersuchungen belegten diese Aussage. Auch J. Leuchtner vom Öko-Institut Freiburg kam zum selben Schluß: "Wenn beispielsweise Rapssaat vom Feld geerntet wurde, muß diese erst ausgepreßt werden. Und auch das entstehende Rapsöl kann nicht ohne weiteres in reiner Form eingesetzt werden: Für die Verbrennung in konventionellen Dieselmotoren muß das Öl zu Methylester aufbereitet werden. Auch dieser Prozeß kostet Energie.

Eine umfassende Analyse der Rapsöl- Prozeßkette hat das Heidelberger ifeu- Institut im Auftrag vom Umweltbundesamt Berlin durchgeführt. Die ersten Ergebnisse dieser Studie zeigen, daß die vorgelagerte Prozeßkette etwa ein Viertel der Kohlendioxidemissionen verursacht, die bei der Verbrennung von Diesel entstehen. Dies allerdings nur unter der Bedingung, daß auch alle Nebenprodukte, die bei der Herstellung von Rapsöl anfallen - wie Glycerin und Preßrückstände - industriell weiterverwertet bzw. energetisch genutzt werden können. Ansonsten ergeben sich nur unwesentliche Emissionsverbesserungen durch den Einsatz von Rapsöl. Inwieweit bei einem großtechnischen Anbau von Raps diese Bedingung eingehalten werden kann, (...), ist jedoch ungewiß. Schließlich ist zu bedenken, daß Kohlendioxid nur eines von mehreren Treibhausgasen ist, das im Zusammenhang mit der Rapsölherstellung frei wird. So entsteht beispielsweise bei der mineralischen Düngung im Boden Lachgas, das einen 300fachen Treibhauseffekt aufweist wie Kohlendioxid."

Viel Geld - besser für's Sparen

Das Umweltbundesamt kommt 1993 zu dem Ergebnis, daß nach Summen-Gewichtung und - Vergleich aller Klimagase Rapsöl bis zu 35 % niedrigere Emissionen gegenüber Dieselkraftstoff verursacht. Es ergänzt dann aber: "Der Anbau von Raps führt gegenüber dauerhafter Flächenstillegung zu einer Bodenbelastung durch Düngung, Herbizid- und Pestizid-Einsatz. (...) RME hat ... nur mit Hilfe von Subventionen eine Marktchance. Für das mögliche Substitutionspotential von 450.000 t RME jährlich wäre eine Subvention von 0,7 bis 1,0 Mrd. DM erforderlich. Technische Maßnahmen an Kraftfahrzeugen zur Minderung der CO2-Emissionen sind um ein Vielfaches kostengünstiger. In der Sache erforderlich ist zusätzlich der Vergleich mit anderen Maßnahmen zur Einsparung klimawirksamer Gase."

In der Tat! Dietmar Schütz rechnete 1991 vor:"Bei einer Beimischung von 5 % Rapsöl würde auf den Verbrauch eines einzigen LKW im Jahr ein Subventionsbedarf von etwa 1.500 DM entstehen." Er fragte anschließend:"Wer soll das bezahlen?" Für wichtiger halte ich die Frage, wer die sich abzeichnende Klimaerwärmung bezahlen soll (s. auch Artikel zum Berliner Klimagipfel). Die Menschheit kann es sich längst nicht mehr leisten, daß Industrieländer für sinnlose Projekte wie Rapsöl-Bezuschussung Milliarden rausschmeißen, für Energiesparen aber kaum etwas übrig haben.

Eine gute Idee

Geld ist ein wichtiger Faktor im Umweltschutz. Pfiffig angelegt, kann es viel Energie sparen helfen. Seit kurzem gibt es bei der Bahn Wochenend-Rückfahrtickets für 15 DM, die fünf Personen beliebig weit nutzen können. Plötzlich sind am Samstag alle Eil- und Nahverkehrszüge brechend voll, denn allein für diese gilt das Ticket. Wie viele Autofahrten werden durch eine solche simple Maßnahme vermieden ! Wieviel Erdöl ist - ganz ohne Rapsöl - gespart worden ! Also: Verbilligt Bus und Bahn mit der Summe der Rapsöl-Zuschüsse, und einige werden ihr Auto ganz einsparen!

achim


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