Oldenburger STACHEL Nr. 3/95

Friedhofsunruhe in Osternburg

Hakenkreuze sorgen für Aufregung in der Kirchengemeinde

Eine aufregende "Woche der Brüderlichkeit" hat die ev.-luth. Kirchengemeinde in Osternburg hinter sich. Auf ihrem Friedhof an der Dreifaltigkeitskirche gibt es ein Kriegsdenkmal mit 14 gleichartigen Grabsteinen, in denen jei ein "Eisernes Kreuz" mit einem Hakenkreuz in der Mitte eingraviert ist. Die gut gepflegten Gräber begrenzen zweireihig einen Weg zu einem großen Gedenkstein, auf dessen Rückseite die Inschrift "Meine Augen sehen nach den Getreuen im Lande (Psalm 101.6)" eingemeißelt ist. Vor fünfzig Jahren wurde diese Stätte eingerichtet, Anstßp an Hakenkreuzen und Inschrift nahm seitdem niemand.

Ein erschütternder Fund

Das änderte sich, als Wolf Hertlein, Kirchengemeinderatsmitglied eines anderen Stadtteils, die Grabsteine entdeckte. Er formulierte einen Brief an die Osternburger Kirchengemeinde, in der er die unverzügliche und öffentliche Entfernung der Hakenkreuze und des Textes forderte. Des weiteren beantragte er, die Kirchengemeinde solle sich bei der Öffentlichkeit und den Opfern des Nationalsozialismus schriftlich dafür entschuldigen, daß die Symbole ein halbes Jahrhundert geduldet wurden. Kopien seines Briefes ließ er Oberkirchenrat, dem Arbeitskreis Friedenswoche, der christlich- jüdischen Vereinigung und der jüdischen Gemeinde zukommen.

Brief ungern gesehen

Die Reaktionen der Amtsträger der Osternburger Kirchengemeinde waren für Herrn Hertlein eher enttäuschend. Daß der Brief von Herrn Hertlein unwillkommen war zeigte ein Zitat des stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchengemeinderats, Herrn Kreye, in der taz: "Wenn zukünktig Ewiggestrige auf unseren Friedhof kommen, dann ist der Hertlein Schuld daran." Öffenlichkeit und Kritik schien also unerwünscht zu sein. Auch wurde die Zuständigkeit an das Land gegeben, daß die Verantwortung für Kriegsgräber trägt. Allerdings habe, so ist von der Bezirksregierung zu hören, die Kirchengemeind e ein Mitspracherecht, was mit ihrem Eigentum geschehen solle.

Brief doch gern gesehen?

Die Kirchengemeinde ist also doch gefragt. Unter dem Druck der Öffentlichkeit diskutierte sie die Angelegenheit auf einer Gemeinderatssitzung und lud die Presse am 8. März zu einer Konferenz. Von der ablehnenden Haltung gegenüber dem Brief war nichts mehr zu spüren, im Gegenteil, er wurde als gute Anregung bezeichnet, Herrn Hertlein wurde sogar ein Dank ausgesprochen.

"Man kann seine Meinung auch ändern"

Angesprochen, weshalb die Hakenkreuze 50 Jahre geduldet und jetzt plötzlich so umstritten seien, antwortete der Vorsitzende des Gemeinderats Pastor Bonenkamp. Die Gräber seien bisher verstanden worden als originale Mahnzeichen dafür, welches Leid den Menschen unter dem Zeichen des Hakenkreuzes gebracht worden sei. Jetzt aber, führte er fort, habe sich herausgestellt, daß eine neue Generation mit einer neuen geschichtlichen Sichtweise herangewachsen sei. Den Ausschlag zum neuen Nachdenken habe der Brief gegeben.

Bleiben die Hakenkreuze?

Die Zukunft der Gräber soll nun in einem neugebildeten Ausschuß beraten und in der Gemeinderatssitzung am 4.4. oder 2.5. beschlossen werden. Der Vorschlag, der bisher am meißten Zuspruch gefunden habe, so Pastor Bonenkamp, sei, die Hakenkreuze zu entfernen und am 8.5. (50 Jahre nach Kriegsende in Deutschland) eine Tafel aufzustellen. Auf ihr solle auf die Existenz der Kreuze hingewiesen und die Gründe für ihre Entfernung erläutert werden.


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