Erlebnisse einer Oldenburgerin im Verkehrsausschuß
Diese Geschichte erzählt von einer Einwohnerin dieser Stadt, nennen wir sie Frau Oldenbürgerin, die sich einmal informieren wollte, was verkehrstechnisch so in ihrer Stadt abgeht. Also stapfte sie durch den warmen Winter - es war Januar - zur Sitzung des Ratsausschusses für "Verkehr, Marktwesen und öffentliche Einrichtungen". Erwartungsvoll setzte sie sich auf einen der Besucherplätze. Nach der Klärung einiger organisatorischer Fragen wurden interessante und weniger interessante Verkehrstagesordnung spunkte abgehandelt. Zwischendurch wurde eine Frau vom NDR gebeten, das Mikrofon einzupacken, weil mitschneiden nicht erlaubt sei, doch schien dieses das einzige Ungewöhnliche an diesem Sitzungsabend zu sein. Als der Punkt "Verschiedenes" aufgerufen wurde, freute sie sich schon bald heimfahren zu können. Natürlich hätte sie aufstehen und gehen können, doch sah sie noch viele Besucher um sich herum, was darauf hindeutete, daß noch etwas besonderes kommt. Sie zog es vor, still setzen zu bleiben, und bedauerte, sich kein Sitzkissen mitgebracht zu haben.
In der Tat, nun folgte der Punkt, der sie noch lange zeit beschäftigen sollte: Der Rechtsstreit von der Stadt Oldenburg, bzw. dem Tierarzt und Ausschußvorsitzenden Wilhelm Brandt gegen den Tierschutzverein. Frau Oldenbürgerin interessierte das Thema zwar nicht so sehr, doch sie hatte bereits von den getäteten Katzen gehört und dachte sich, mehr darüber zu erfahren, kann nicht schaden.
Gespannt beobachtete sie, wie der Tierarzt seinen Vorsetz wegen Befangenheit an seinen SPD-Fraktionskollegen Herrn Hoppe abtrat und den Raum verließ. Daraufhin einigten sich Stadtverwaltung und Ratsmitglieder einvernehmlich, daß Herr Brandt der Sitzung wieder beiwohnen sollte, damit er Sachverhalte klären kann. Zusätzlich wurde der Geschäftsführer des Tierschutzvereins, Herr Bruns, in die Beratungsrunde gebeten, um Fragen zu beantworten. Doch darauf mußte Frau Oldenbürgerin noch ein Weilchen warten, und so lauschte sie andächtig den Worten des Herrn Stadtdirektors Otter, welcher die Geschichte des städtischen Tierheims referierte. Als er endete, dachte sich Frau Oldenbürger, daß nun auch Herr Brandt und vor allem Herr Bruns die Geschichte aus ihrer Sicht vortragen dürften. Sie freute sich darauf, weil sie strittige sachverhalte gerne von zwei Seiten hört, um sich eine eigene Meinung bilden zu können. Sich eine eigene Meinun bilden, war jedoch scheinbar nicht angesagt, mute sie betrübt feststellen. Na, immerhin äußerte SPD-Ratsfrau Bockmann: "Nur wenn alle Fakten auf den Tisch kommen, ist Vergangenheitsbewältigung möglich." Das gab Frau Oldenbürgerin wieder Hoffnung und so harrte sie der Dinge, die da kommen sollten.
Zunächst kam ein Schwall Ermahnungen an Herrn Bruns, er dürfe sich als Gast nicht zu Wort melden und keine Stellungnahmen abgeben, sondern nur auf Fragen antworten, die an ihn gerichtet seien, und das auch nur dann, wenn er dazu aufgefordert würde. Frau Oldenbürgerin fand das in Ordnung. Sie ging davon aus, daß das für alle Befangenen gelten sollte. Galt es aber nicht! Zwar sagte Herr Tierarzt Brandt nichts, dafür Herr Otter um so mehr, beantwortete Fragen und gab Stellungnahmen ab. Unsere Besucherin wunderte sich: War Herr Otter als Vertreter der Stadt und damit Betreiber des Tierheims etwa nicht befangen?
Es ging heiß her, Vorwürfe gingen an Herrn Otter, wurden abgeschmettert, Vorwürfe gingen zurück an Herrn Bruns ... es wurden Aussagen zitiert, die gegenüber der Polizei, dem radio gemacht wurden, ja sogar aus eidesstattlichen Erklärungen wurde vorgelesen. Herr Bruns mußte antworten, manchmal auch Herr Otter. Wenn beide antworteten, widersprachen sie einander des öfteren.
Auch sollte Herr Bruns dem Ausschuß Beweise für irgendwelche Unregelmäßigkeiten vorlegen. Einem normalten Ratsausschuß? Frau Oldenbürgerin kratzte sich am Kopf, in dem sich alles drehte. Irgendwann schaltete sich auch der Leiter des Ordnungsamtes, Herr Ramin, ein und berichtete von einer belastenden Gesprächsnotiz, die er während eines Telefonats mit Herrn Bruns aufgezeichent habe. Herr Bruns wies das entschieden von sich. Die Gemüter waren erhitzt. Wenig später meinte CDU-Ratsherr Becker, Widersprüche entdeckt zu haben, und äußerte, er habe den Eindruck, Herr Bruns age hier nicht ganz die Wahrheit. Das Dementi von Herrn Bruns war natürlich verboten, weil die Äußerung keine Frage war. Späteestens hier, dachte sich die Oldenbürgerin, wäre sie, an Herrn Bruns Stelle, aufgestanden und gegangen, weil folglich jede weitere Äußerung als Unwahrheit gewertet werden müßte. Doch Herr Bruns blieb und so ging die Fragestunde von CDU und SPD weiter. Als die Fraktionen ihre langen Kataloge durchhatten und der nicht öffentliche Teil begann, verließ sie zusammen mit der "interessierten" - Frau Oldenbürgerin fand eher "schockierten" - "Öffentlichkeit" den Saal. Zurück blieb Herr Rieschbieter, Rechtsanwalt des Tierschutzvere ins, der noch in der geheimen Sitzung Auskünfte geben sollte, allein, ganz ohne Zeugen...
Benommen stieg sie die Treppen hinab, wurde zu ihrem Glück nicht vom NDR interviewt, und trat ins Freie. Dort bekam sie zunächst einen Schrecken: Sie stand in der Fußgängerzone, vor ihr kein Schloßgarten, keine Elisabethstrae... Vorsichtig drehte sie sich um: Statt des erwarteten Amtsgerichts erkannte sie erschreckt das Alte Rathaus. Nun erinnerte sie sich auch wieder so langsam, wie sie hier hergekommen war. Sie war ja zu einer ganz normalen Verkehrsausschußsitzung gegangen, nicht zu einer Gerichtsverhandlung. .. ihr stockte der Atem. Hatte sie gerade dedacht "Gerichtsverhandlung"? Nun jagte ein Gedanke den anderen. Gigt es bei einer Gerichtsverhandlung nicht einen Richter? sollen Richter nicht unbefangen sein? Wer war der Richter gewesen? Herr Hoppe? Herr Otter? Frau Bockmann, Herr Becker? Der Mann von der Zeitung, die Frau vom Radio? Oder vielleicht sie selbst? Oder Herr Bruns sogar - zur Einschüchterung?
In ihrem Kopf wirbelte alles umher und so beschloß sie ihr Fahrrad den weiten Weg nach Hause zu schieben... Bekommt auf Gericht nicht auch der Angeklagte das Recht, sich zur Sache zu äußern? Was für Fragen waren das überhaupt? Auf jeden Fall gut vorbereitete, vor allem die von der SPD-Fraktion. In welcher Fraktion war noch einmal Tierarzt Brand? Und Herr Becker? Und was für ein Amt bekleidet noch Herr Ramin? Wer ist sein Vorgesetzter? ...
Zuhause angekommen, war ihr eines klar: eine Gerichtsverhandlung war das nicht, aber ein gewöhnlicher Ratsausschuß auch nicht. Doch was war es? ...
Der Tagebucheintrag von Frau Oldenbürgerin umfaßte an diesem Tag mehrere Seiten.