Oldenburger STACHEL Nr. 2/95

Des STACHELs Spitze:

Rettig überall und nirgendwo !?

Der gemeine Mensch scheint doch kein direkter Nachfahre der Affen zu sein. Zumindest wirkt seine evolutionsbiologische Verwandschaft mit dem Chamäleon ebenso eng. Ein besonders anschauliches Beispiel liefert uns der Oldernbuger Ratsherr W.R. In unserer, mittlerweile schon Jahre andauernden, wissenschaftlichen Betrachtung dieses Phänomens erlebten wir jüngst einen weiteren Höhepunkt, der uns dazu ermutigte weiterzuarbeiten (die Zuschüsses aus dem Landeshaushalt sind uns hierfür gewiß ?!).

Die Odyssee des Abgeordneten R. begann mit dessen Einzug in den niedersächischen Landtag 1986. Damals gehörte er der SPD an, für die er ebenfalls im Oldenburger Stadtrat ein Mandat ausübte. So weit alles noch ganz normal - aber dann ...

Der erste Offenbarungseid geschah während R.s zweiter Wahlperiode im Landtag. Mitten in dieser trat er aus der Fraktion und Partei aus, verblieb als fraktionsloser Abgeordneter im Parlament und im Stadtrat. Als neue Heimat schuf er sich eine unabhängige Wählergemeinschaft, als deren Landtagskandidat er jedoch 1994 scheiterte.

Der zweite Offenbarungseid erregte nun unsere Aufmerksamkeit. Mitte Januar teilte R. seinen Eintritt in die CDU-Stadtratsfraktion mit, die ihn mit offenen Armen und einer eigens für diesen Beitritt geänderten Fraktionsgeschäftsordnung empfing. Zwar schnaubte der CDU-Vorsitzende Dierkes, der nicht vorab informiert worden war, aber die Hauptsache war schließlich R.s Eintritt. Die CDU konnte auf diese Weise mit der SPD gleichziehen. Beide Parteien haben nun die gleiche Anzahl an Mandaten im Stadtrat.

Gebracht hat dies der CDU zunächst einmal gar nichts, sondern vielmehr den Grünen. Diese haben nun, aufgrund des Zählverfahrens, von der SPD einige Ausschußsitze übernommen. Für R. bedeutet dies natürlich, rechtzeitig vor der Kommunalwahl 1996 eine neue politische Heimat gefunden zu haben und damit seiner Wiederwahl in den Stadtrat Vorschub zu leisten. Ein Parteieintritt sei zwar nicht geplant, aber auch nicht auszuschließen, so R.

R. bringt es also fertig, verschiedensten Parteien zu helfen. Zunächst der SPD als deren Abgeordneter und Ratsherr (?), hiernach einer Wählergemeinschaft als prominenter Repräsentant, dann der CDU, die aufgrund seines Übertritts nun ebenfalls als stärkste Partei Oldenburgs bezeichnet werden kann und schließlich den Grünen, die nun mehr Ausschußsitze als zuvor besetzen.

Es fehlt nur noch eine - die FDP. Vielleicht erleben wir in naher Zukunft deren Reinkarnation. Wie wäre es zum Beispiel mit R. als FDP-Bürgermeister von Oldenburg nach der Kommunalwahl oder als Fraktionsvorsitzender der FDP im niedersächischen Landtag nach einem erfolgreichen Wiedereinzug 1998. Dieser käme natürlich nur durch einen rechtzeitigen Wechsel R.s zur FDP zustande. Es wäre doch schließlich zu ärgerlich, wenn R. bei seinem Wandel - seiner Verwandlung - ein Loch im Parteienspektrum hinterließe.

Seb.


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