Oldenburger STACHEL Nr. 2/95

Vom langen Pendeln für den Aufbau des Ostens im Westen

Thüringen bewacht Carl-von-Ossietzky

Braucht "Sicherheit" weite Wege, geringes Einkommen und Arbeitslosigkeit? Ist es richtig, mit Subventionen für den "Aufbau-Ost" per Dumpingpreispolitik Erwerbslosigkeit im Westen zu schaffen?

Die Überraschung!

Im neuen Jahr überraschten neue Gesichter in der Uni. Es gab leichte Verständigungsschwierigkeiten. Aus "Gründen der Rentabilität" hatte die alte Wachfirma den Vertrag gekündigt. "Besonders freundlich" fanden deren MitarbeiterInnen, daß sie erst eine Woche vor Arbeitsende informiert wurden. Sie sollten Aufhebungsverträge unterschreiben, durch die sie ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld verloren hätten. Auf, auf, zum Sozialamt!

Für die Menschen in der Uni ist das ein großer Verlust. Die alten Wachleute waren sehr beliebt: freundlich, vertrauensvoll, zuverlässig. MancheR wissenschaftliche NachtarbeiterIn tankte bei einem Plausch an der Pforte auf - auch manches seelische Problemchen wurde kuriert. Das ist erstmal vorbei.

Es gab eine beschränkte Ausschreibung - es gab also keine Anzeigen, sondern die Firmen wurden direkt angeschrieben. Den neuen Vertrag schloß die Uni mit einer Firma aus Thüringen. Während bei früheren Vertragsänderungen das Stammpersonal übernommen wurde (z.B. bei den Reinigungsfirmen wechselten die Bosse, nicht jedoch die Arbeitenden), kommen jetzt ThüringerInnen für 20 Tage nach Oldenburg, arbeiten ohne freie Tage und ohne Wochenende, um für 10 Tage wieder gen Heimat zu reisen.

Aufbau Ost?

Der Erfolg der Uni-Leitung: Ich habe etwas für die Wiedervereinigung getan, äußerte ein Leitungsmitglied öffentlich. Die nun erwerbslosen Wachleute werten dies als zynisch. Wenn ER meine, daß auf diesem Wege etwas für die Wiedervereinigung getan werden solle, dann hat niemand etwas dagegen, wenn ER seinen Stuhl zur Verfügung stellt.

In der Tat mutet es eigenartig an, wenn über Subventionen seitens des Arbeitsamtes sowie weitere Milliardenbeträge, die in den "Aufbau Ost" geflossen sind und teilweise noch fließen, mittels Dumpingpreisen Verträge im Westen "erobert" werden. Soll das "Aufbau Ost" sein?

Wer arbeitet gern für 6 Mark?

Die MitarbeiterInnen der Thüringer Firma sind am meisten benachteiligt. Die Informationen über ihr Gehalt reichen von 6,00 DM bis 7,56 DM. Das bei Arbeitszeiten von 12 bis 16 Stunden, im wesentlichen Nachtarbeit. (Zum Vergleich: Früher gab es ca. 11 DM - auch nicht viel.) Die neuen Wachleute müssen zwangsläufig von ihrem geringen Einkommen zwei Haushalte führen. Außerdem muß die Arbeitskleidung selbst bezahlt werden. Da diese einheitlich ist, gibt es finanzielle Abzüge.

Die Unileitung lehnt den Begriff "Uniformierung" vehement ab. Schließlich sei es das Wesen einer Uniformierung, daß eine Hierarchie vorhanden sei. Naja. Grundlos werden die Äußerungen der Unibevölkerung nicht sein - entscheidend ist der Eindruck.

Nachdem mehrere Menschen zumindest mit Knüppeln bewaffnete Aufseher gesehen haben (Unileitung: Gerüchte), sei die Anweisung gegeben worden, daß die Menschen in der Pforte nicht bewaffnet tätig sein sollen. Die Unibevölkerung darf aufatmen: Vorläufig brauchen keine Toten und Verletzten befürchtet zu werden, etwa durch Irrtum oder unvorsichtiges Hantieren mit Waffen. Es bleiben die Beschwerden, daß offensichtlich nur Kettenraucher zum Wachdienst eingestellt wurden. Im Bereich der Pforten ist eine Aura von dicker Luft.

Garantiert nicht der letzte Streich!

Die eigentliche Arbeit dieser "Wiedervereinigung" haben die HausmeisterInnen. Aufgrund des schlagartig verschwundenen Wissens in den Pforten (die alte Firma hatte den Vertrag 18 Jahre!) jagt ein Einsatz den anderen. Das ist seitens der Unileitung mindestens so gewollt wie die neue Bezeichnung der Uni-Teilbereiche - die Verwirrung ist komplett.

Wer sich nach Dienst-Schluß der Telefonzentrale gerne über die Pforte mit einer Nummer im Haus verbinden lassen möchte, hat schlecht gewählt. Die Wachleute wissen leider nicht, wie die Technik funktioniert (können sie noch lernen). Hier ist kein hämisches Grinsen in punkto Mann & Technik angesagt. Dies ist ein kleiner Vorgeschmack zu weiteren Plänen, die Wolfgang, der Kanzler, bereits in der Tasche hat: Es ist geplant, die freundlichen Frauen aus der Telefonzentrale, die Herzen der telefonativen Kommunikation, die auf jede Frage einen Rat wissen, "wegzurationalisieren". Ihre Aufgabe soll mit hohem technischen Aufwand (Kosten!) zur zentralen Pförtnerloge verlagert werden.

Umweltschutz und regionale Wirtschaft

Die Unileitung sieht die nur betriebswirtschaftliche Seite - als Institution des Landes! Wo bleibt die Fürsorgepflicht der Arbeitgeberin? Die Einführung des Globalhaushaltes wird immer deutlicher sichtbar: Für die Verantwortlichen zählt nur noch Geld.

Nach Erlassen des Wissenschaftsministerium aber ist bei Beschaffungen und Ausschreibungen eindeutig die Region zu bevorzugen. Hier werden als Gründe plausible Überlegungen genannt: Wer in der Region beschafft, hat weniger Verkehr und schont die Mitwelt. Zudem wird die regionale Wirtschaft gestärkt.

In Rio wurde beschlossen, die Freisetzung von CO2 zu senken. Die Stadt Oldenburg schloß sich an. Die Uni aber, die früher regionale Verankerung wichtig fand, holt nun ihre MitarbeiterInnen aus weitest entfernten Regionen. Es geht nicht einmal um herausragend qualifizierte Tätigkeiten - die also niemand anders übernehmen könnte. Wie will die Unileitung wieder gutmachen, was der Transport der Wachleute von und nach Thüringen an Belastungen nicht nur für sie, sondern - in CO2 umgerechnet - auch für die Umwelt an Belastungen mit sich bringt?

Der letzte Streich?

In der heimischen Wirtschaft geht das Gruseln um. Wenn diese Machenschaften Mode machen, sind alle regionalen Unternehmungen in Gefahr. Es scheint ein lukratives Geschäft zu sein, subventioniert mit Dumpingpreisen Verträge an sich zu reißen. Ob die Menschen von solchen Hungerlöhnen noch leben können, scheint für einige allenfalls zweitrangig zu sein.

Nach Redaktionsschluß kam die nächste Hiobsbotschaft: Für den Wachdienst des Botanischen Gartens ist der gleiche Anschlag geplant.

Wolfgangs Traum

Kanzler Wolfgang von Fircks träumt öffentlich vom Studienverbund Oldenburg-Bremen. Er will viele Studierende zwischen den Städten hin- und herzuschaffen, statt jeweils die Lehrenden (einzelne Personen!) für Vorlesungen zu gewinnen. Sein "Argument" ist die Bremer Spezialität, der Fallturm, den sich nach seiner Sicht "Oldenburg keinesfalls leisten könne". (Warum eigentlich nicht? In Bremen stehen die WissenschaftlerInnen Schlange - es gibt eine deutliche Nachfrage. Das ist preiswerter als der Weltenraum. Die heimische Bauwirtschaft würde gern in Oldenburg so ein Projekt bauen.)

Für die Studierenden würde ein (Studien-) Verkehrs(!)verbund mit Bremen erhebliche Belastungen mit sich bringen, besonders für diejenigen, die ohnehin schon belastet sind: Alleinerziehende, Jobbende. Ein Seminar in Bremen würde mindestens die Zeit für drei Seminare beanspruchen: Zusätzlich die für An- und Abreise.

Sorgen wir dafür, daß dies bleibt, was es ist: Kanzlers Traum!

Die Studierendenvertretungen AStA und F3V fordern, daß es an der Uni keine Zwei-Klassen-Beschäftigungsverhältnisse geben darf. Es dürfen generell keine Aufgaben privatisiert werden. Jede und jeder an der Uni Beschäftigte hat ein Recht auf ein reguläres, versicherungspflichtiges und tariflich vergütetes Beschäftigungsverhältnis, sei es nun der Putzmann, die Präsidentin oder die Lehrende!

Gerold Korbus


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