Oldenburger STACHEL Nr. 2/95

Feuilleton:

"All That I Can Advice Is Not To Attempt The Impossible"

(M.K. GANDHI)


Vortrag von Christian Bartolf in der Kulturetage

Im Rahmen der Veranstaltungreihe ,Gegen die Logik der Gewalt" der Graswurzelgruppe Oldenburg fand am 2. Februar 1995 in der Kulturetage ein Vortrag von Christian Bartolf vom Gandhi-Informations-Zentrum in Berlin statt. Bartolf ist Autor verschiedener Schriften zur Geschichte und Lehre Gandhis. Das Informationszentrum verbreitet momentan das sog. ,Manifest gegen die Wehrpflicht und das Militärsystem", das bereits von vielen namhaften Personen, zuletzt von Desmond Tutu unterzeichnet wurde. Die Unterzeichnenden wenden sich gegen die allgemeine Wehrpflicht und fordern statt ihrer eine Entmilitarisierung der Gesellschaft, um den Willen zu tatsächlichem Frieden entwickeln zu können.

Bartolf begann seinen Vortrag mit einem Zitat Carl-von-Ossietzkys zu Gandhis 60. Geburtstag, in dem Ossietzky Gandhi als ,Weisheitslehrer und Elementarschulmeister zugleich, Denker und Praktiker, Träumer und Organisator von amerikanischen Format" bezeichnet. Bartolf zitierte verschiedene Essays und zwei Reden von Gandhi, die als Tondokumente in englischer Sprache zu hören waren. Die verschiedenen Passagen erlaubten einen interessanten Einblick in die Wirkungsweise Gandhis und verschiedene historische Ereignisse, so etwa eine Rede Gandhis in London wenige Tage vor der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien. In ihr versucht Gandhi eine Brücke zwischen den verschiedenen Völkern und den verschiedenen Religionen zu bauen. Er beendet diese Rede mit dem oben zitierten Satz.

Dennoch sollten die etwa siebzig Anwesenden nicht von purer Theorie erschlagen werden, vielmehr versuchte Bartolf den Zuhörern die Möglichkeit zu eigenen Bemerkungen oder Fragen zu geben, die zwar etwas zögerlich genutzt, letztlich jedoch gern angenommen wurde. Vielleicht muß sich Bartolf den Vorwurf gefallen lassen, etwas zu trocken gewesen zu sein. Er zeichnete kein schillerndes Bild von Gandhis Leben und Wirken, gab auch keine allumfassenden Antworten oder legte eine unzweifelhafte Argumentation für Gandhis Theorie der Gewaltfreiheit vor. Wenn ich Bartolf richtig verstanden habe, dann wollte er dies auch nicht, sondern wollte eher zum Nachdenken anregen. Einige Fragen wurden geklärt, neue dafür aufgeworfen, die Gandhi ein Stück weit von seinem Sockel der Unerreichbarkeit herunterholten. Der Bezug zum täglichen Leben wurde dadurch einfacher. Ein Zuhörer berichtet in diesem Zusammenhang z.B. über die Situation der Obdachlosen in Oldenburg oder die Zustände in der ZAst in Blankenburg und warf die Frage auf, inwieweit hier gewaltfreie Konzepte verwirklicht werden können.

Wenn Bartolf - natürlich - auch keine praktische Lebensphilosophie für die westliche Welt im Sinne Gandhis präsentieren konnte, so ist ihm in meinen Augen doch gelungen, die Besucher dieser Veranstaltung dazu zu bringen, über ihre eigenen Möglichkeiten nachzudenken. Wenn hieraus praktische Konsequenzen erwachsen würden, dann wäre dies mehr wert, als nach einem Vortrag mit Wissen vollgestopfte Menschen, die mit diesem Wissen jedoch nichts anfangen, sondern alles beim Alten belassen. Die Notwendigkeit zu gesellschaftlichen Veränderungen ist sicher jedem bewußt, die Frage nach dem Konzept jedoch unbeantwortet. Vielleicht fanden ja einige eine Anregung in Gandhis Aussagen. Es wäre wünschenswert.

Sebastian Weber


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