Oldenburger STACHEL Nr. 2/95

Land unter
Hochwasser im Bürgerbusch

Wer in letzter Zeit einmal durch den großen Bürgerbusch gegangen ist, wird es selbst festgestellt haben. Der größte zusammenhängende Wald Oldenburgs, mit ca. 23 Hektar Fläche, ist völlig abgesoffen.

Busch kaum noch begehbar

Dem Betrachter bietet der Wald ein trauriges Bild. Nicht nur während starker Regengüsse, sondern auch bei relativ trockenem Wetter hat man als Fußgänger so seine Probleme, trockenen Fußes einen Waldspaziergang zu unternehmen. An vielen Stellen ist der Weg durchzugen von großen Pfützen. Teilweise sind es tiefe Reifenspuren von städtischen Fahrzeugen, vollgelaufen mit Wasser. Der Boden darin ist stark aufgeweicht, sodaß man teilweise sogar einsinkt.

An mehreren Stellen sind tiefe Reifenabdrücke neben dem eigentlichen Weg und in der Mitte zu sehen. Da wundert man sich doch, zumahl der Weg offensichtlich breit genug ist, das Fahrzeug auf dem Weg ausreichend Platz zur Verfügung hätte. Warum wurden dort unnützerweise wieder tiefe Spuren hinterlassen?

Ein Weg entwickelt sich

Viele Wege haben eine interessante Entwicklung hinter sich. Ursprünglich als Pfade durch den Wald gedacht, links und rechts von Grün eingerahmt, breit genug, um gemütlich nebeneinander gehen zu können, aber nicht so breit, daß man sich wie auf einer Straße fühlen muß, sind sie jetzt so breit, daß schweres (und breites) Gerät problemlos auf ihnen bewegt werden kann. Einige Wege sind mittlerweile praktisch doppelt so breit wie früher.

Die Wege werden teilweise gepflegt wie die eines Parkes. Normale Waldwege sind es schon lange nicht mehr. Schotter wird angekarrt, auf den Wegen verteilt und diese damit befestigt.

Die Pflegemaßnahmen sehen so aus, daß herabgefallenes Laub mit einem Gebläse in den Busch geblasen wird. Damit sind die Wege wieder von Laub befreit - vom Schotter allerdings auch. Da die Steinchen noch nicht festgetreten waren, werden sie von dem starken Gebläse meterweit in den Busch geblasen. Wochen später kommt neuer Schotter und der Weg wird wieder von Laub befreit.

Dabei fliegen die Steinchen mit einer solchen Wucht durch die Botanik, daß sie die Grasnarbe, die erst im Herbst letzten Jahres neu angelegt worden ist, zerstören. Gras, das noch nicht richtig fest gewachsen ist, wird dabei gleich mit herausgerissen. Am Rand ist die Grasnarbe regelrecht umgeklappt. Diese Mischung wirkt wie ein Sandstrahlgebläse.

Damit wird in periodischen Abständen bisher geleistete Arbeit zunichte gemacht.

In einem Wald bleibt es nicht aus, daß große Wurzeln auf einem Weg verlaufen. Wird nun mit schwerem Gerät über solche oberirdischen Wurzeln gefahren, dann werden die Wurzeln mit hohem Druck nach unten gedrückt. Fährt das Fahrzeug weiter, so läßt der Druck plötzlich nach, die Wurzeln flutschen regelrecht nach oben und reißen unten ab. Wenn es jetzt stürmt, was ja im Herbst und Winter in diesen Breiten üblich ist, dann biegen sich nicht nur die Bäume. Auch die Wege bzw. die abgerissenen Oberflächenwurzeln, die den Bäumen Halt geben sollen, wanken auf und ab.

Die jetzt herausragenden Wurzeln stellen nach Ansicht der Stadtverwaltung eine Gefährdung der Bürger dar, die beseitigt werden müsse. Diese Wurzeln werden teilweise abgefräst. Damit wurden zwar potentielle Stolperfallen beseitigt, aber die benutzten Geräte sind so schwer, daß der Untergrund dem Gewicht nachgibt und von eventuell benutzten Stützen tiefe Löcher übrigbleiben, die dann wieder verfüllt werden.

Das hat zur Folge, daß sich die Beschaffenheit des Bodens dahingehend ändert, daß dieser dichter zusammengedrückt ist. Das bedeutet nateurlich, daß Wasser nicht mehr (so gut) abfließen kann. Sichtbare Folgen sind Pfützen und Tümpel. Das Wasser bleibt viel länger an der Oberfläche, weicht den Boden ein und versickert nur ganz langsam.

Der große Bürgersee

Ein Erlebnis ganz besonderer Güte bietet der Wald auf dem Weg, der parallel zum Bürgerbuschweg verläuft. Hier wurde der Weg in einen über 100m langen See verwandelt. Ohne entsprechende Fußbekleidung ist der Wald an dieser Stelle völlig unpassierbar. Bei Frost bietet diese See garantiert eine schöne Eisfläche für Kinder, praktisch ungefährlich, dann so tief ist er nun doch nicht, daß Kinder darin versinken könnten.

An vielen Stellen sieht man Reifenspuren, die von den Wegen abgehen und in den Busch führen. Oft wurde an diesen Stellen ein Baum herausgezogen oder Erde abgeladen. Zurück blieben tiefe Spuren der Fahrzeuge im versumpften Boden, die natürlich voll Wasser laufen.

Der Zustand der Bäume im großen Bürgerbusch ist zugegebenermaßen schlecht. Sehr viele Bäume sind krank, Äste morsch oder tot. Teilweise stellen diese tatsächlich eine Gefährdung dar, gerade wenn sie über einen Weg ragen.

Die Stadt gibt vor, an vielen Stellen eingreifen zu müssen. Ein Wald werde von Anfang an dichter bepflanzt als später überhaupt sinnvoll sei. Daher müsse auch in einem Wald von Zeit zu Zeit der Bestand gelichtet und neuen Bäumen Raum zum Gedeihen gegeben werden. Kranke und schwache Bäume müsse man entfernen.

Bisher wurden im Bürgerbusch nur kleine Eingriffe vorgenommen. Doch schon durch diese Maßnahmen wurden große Schäden angerichtet. Die Besichtigung dieser ist äußerst interessant.

Die hauptsächlichen Schäden entstehen, weil der Boden schwere Geräte, wie sie von der Stadt verwendet werden, nicht aushält. Ein Wald ist ja auch nicht für zehn Tonnen schwere LKWs gedacht. Trotzdem fährt die Stadt teilweise mit solchem Gerät in den Busch. Je nach Benutzung bleiben unterschiedliche Spuren übrig. Die Gräben fallen z.B. nach und nach zu bzw. die Erde wird in die Gräben gedrückt, denn gibt es keinen Widerstand.

Jedesmal, wenn ein LKW auf einem Weg fährt, verdrückt er die Erde, der Boden wird jedesmal dichter und damit wasserundurchlässiger. Eventuell vorhandene Drainage - im Bürgerbusch wurde an den Wegen teilweise Drainage in ca. 30cm Tiefe verlegt - wird dabei u.U. zerdrückt und unbrauchbar gemacht.

Dadurch kann das Wasser nicht mehr richtig abfließen und der Wald wirkt wie ein Schwamm - vollgesogen mit Wasser. Wenn unter diesen Bedingungen auch noch abseits der Wege gefahren wird, dann steht man im Sumpf und hinterläßt tiefe Spuren.

Geplante Maßnahmen

Während das Grünflächenamt auf Anfragen abstritt, daß größere Maßnahmen geplant sind, verlautete aus dem Umweltamt, daß sehrwohl größere Eingriffe geplant seien. Konkrete Zahlen waren allerdings nicht in Erfahrung zu bringen, es geistern teilweise jedoch Zahlen von 700 zu fällenden Bäumen herum. Dabei sollen keine extrem schweren Geräte benutzt werden, aber auch schon "normal" schwere Geräte richten Schäden an.

Nach Auskunft aus dem Umweltamt sollen die Maßnahmen bis März abgeschlossen sein. Angesichts der Wetterlage und des Wassers im Bürgerbusch wird dieser Termin aber kaum einzuhalten sein. Dieses gab uns auch das Umweltamt zu verstehen. Dieses sicherte ebenfalls zu, daß die Wege nach Abschluß der Maßnahmen wieder hergestellt werden.

Weiter hieß es, daß man sich nach den Stürmen und den daher resultierenden Brüchen habe entscheiden müssen: Sperrung des Busches oder Pflegearbeiten. Die Entscheidung war, Pflegearbeiten durchzuführen. Diese haben die jetztigen Schäden zur Folge.

Die Maßnahmen wurden schon auf der Sitzung des Umwelt- und Landschaftsschutzausschusses am 20.10. letzten Jahres beschlossen, allerdings wurden diese da nicht allzusehr konkretisiert. Dort hieß es, daß Fällungen und Auslichtungen, Vereinzelung von Solitärbäumen, Entfernung von kranken und toten Bäumen vorzunehmen seien.

Wald oder Park?

Angesichts der geplanten Maßnahmen und der teilweisen Pflege der Wege wirft sich unweigerlich die Frage auf, ob der Busch ein Wald oder doch ein Park ist. In einem Wald können abgestorbene Bäume nämlich auch stehen- und liegengelassen werden, sofern von ihnen keine Gefährdung für Besucher ausgeht. Sie sollen teilweise auch liegengelassen werden, damit sich daraus ein natürliches Biotop bilden kann. In einem Wald müssen Wege auch nicht extra befestigt werden, in einem Park schon.

Nach Auskunft des Umweltamtes sei der große Bürgerbusch ein Wald, der eine Funktion als Erholungsgebiet habe. Er werde von vielen Besuchern wie ein Park genutzt und auch als solcher angesehen. Teilweise wird er auch wie ein solcher gepflegt und (hoffentlich nur temporär) kaputt gemacht.

In der Erscheinungswoche dieser Stachel-Ausgabe wird noch eine öffentliche Begehung des großen Bürgerbusches durchgeführt werden. Wir dürfen gespannt sein, was sich da noch ergibt.

mgs


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