Oldenburger STACHEL Nr. 2/95

Alles eingeSTAmpft

Mit diesem Cartoon auf der Titelseite erschien am 6.2. die neueste Ausgabe der AStA-Zeitung*, um berechtigterweise auf die Politikverdrossenheit der Studierenden aufmerksam zu machen. Was nun folgte, wirkt wie ein Versuch, diese Verdrossenheit ins Unermeßliche zu steigern.

Wer diese Zeitung bereits ergattert hat, sollte sie entweder feierlich verbrennen oder verschämt in seine Schmuddelheftsammlung einreihen. Denn nach Meinung des AStA enthält die Zeitung eine sexistische Äußerung, die ein weiteres Verbreiten nicht zuläßt. Mit deutlicher Mehrheit wurde entschieden, die Zeitung einzustampfen. Vermutlicher finanzieller Verlust: eine knapper Tausender. Den Stein des Anstoßes - ein Interview zur StuPa-Wahl - möchten wir an dieser Stelle wiedergeben. (Vorsicht, folgendes ist möglicherweise nicht jugendfrei)

Elefantenrunde

Im Streitgespräch Maik Günther, AStA-Sprecher und Spitzenkandidat der Bündnisliste, und der Könich von Oldenburg (Anm. Ja, der mit der netten Anzeige im letzten STACHEL), der auf Anhieb den Einzug ins Studierendenparlament geschafft hat.

-: Herzlich willkommen zur diesjährigen Elefantenrunde. Leider sind nur zwei Gesprächspartner anwesend, aber vielleicht war der Zeitpunkt auch ein wenig ungünstig gewählt, die Lindenstraße läuft gerade... Gleich zur ersten Frage: Könich, ich bin ein wenig enttäuscht. Wo sind Krone, Zepter und Reichsapfel?

K: Ja... ich bin inkognito hier! Am Wochenende war ich auf einem Selbsterfahrungsseminar, das war erschreckend.

-: Ach so. Es war ja ein triumphaler Einzug ins Hohe Haus, - herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle - der allerdings nicht knapper hätte ausfallen können. Eine Stimme weniger, und es hätte nicht gereicht...

K: Das "wie" ist ja entscheidend, und es entbehrte wirklich nicht einer gewissen Dramatik. Gute Choreographie sozusagen. Dank auch hier nochmal an den Wahlleiter, der übrigens ein ganz hervorragender Fußballer ist ... Die Wahlleiterin ist auch eine ganz charmante junge Dame, die ja am Anfang etwas zweifelnd mir gegenüber war, aber hinterher ... meine Verehrung an dieser Stelle! Ä...Ü

Dieser letzte Satz war es, der den AStA-Mitgliedern so schwer im Magen lag, daß ihr Gewissen sie zwang, zum Äußersten zu greifen. Ich habe nun die vier vom AStA-Öffentlichkeitsreferat, die die Zeitung erstellt haben, nach ihrer Meinung zu der Entscheidung befragt. Zwei davon konnten gar keinen Sexismus entdecken, die anderen zwei erahnten immerhin eine gewisse unglückliche Mehrdeutigkeit. Aber alle vier fanden das Einziehen der Zeitung ziemlich daneben. Die einzige Frau der vier (übrigens auch die in dem Interview angesprochene Wahlleiterin, die eigentlich Betroffene also!) bedauerte, daß mal wieder mit der Sexismuskeule plattgemacht würde, was aus ganz anderen Gründen - listeninternen Querelen - unliebsam sei. Darunter würde leider der überstrapazierte Sexismusbegriff leiden, Sexismus als Problem werde so abgewertet. Sie empfand es als Unding, daß sie als Betroffene nicht einmal um ihre Meinung zu der Sache gefragt worden sei; sie selbst fühle sich in keiner Weise belästigt oder angemacht oder wasauchimmer. Unverständlich sei die Entscheidung auch deswegen, weil nun mit der AStA-Zeitung auch zwei wichtige Anti-Sexismus Artikel geopfert würden. (Vermutlicher inhaltlicher Verlust: mehrere interessante Artikel) Sie will deswegen in der nächsten AStA-Sitzung den Antrag stellen, die Zeitung doch wieder herauszubringen. Falls sie damit durchkommt, werden die Zeitungen jetzt, da du diesen STACHEL liest, schon wieder ausliegen. Wenn nicht, will sie mit zwei ihrer Kollegen zurücktreten. Vermutlicher personeller Verlust: 3 - 4 Mitarbeiter des AStA. Der vierte im Kreis wollte sein weiteres Engagement nicht nur am Erscheinen dieser Zeitung festmachen. Für ihn sei es wichtig, wie der AStA zukünftige Öffentlichkeitsarbeit definiere. Einige AStA-Mitglieder hätten sich beschwert, daß durch nicht ganz so ernst gemeinte Beiträge wie das zitierte Interview die Zeitung entpolitisiert würde. Außerdem sollten nur AStA-Meinungen verbreitet werden. Falls sich diese Meinung durchsetzen sollte und der AStA ein weitgehend eigenständiges Öffentlichkeitsreferat nicht mehr zuläßt, sieht auch er keine Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit. Möglicher Verlust: das Öffentlichkeitsreferat, Nachfolger dann: das Propagandareferat.

Bleibt zu hoffen, daß das schon gewählte neue StuPa einen weniger selbstbezogenen AStA zustandebekommt. Ansonsten wird man wieder der Meinung des Könichs (meine Verehrung an dieser Stelle) aus dem gleichen Interview zustimmen müssen: "Man hat da eher den Eindruck einer großen Psychotherapiegruppe."

Jan Witte

Alle StudentInnen einer Uni wählen ihr Studierendenparlament (StuPa), dieses wählt den Allgemeinen StudentInnen Ausschuß (AStA), der u.a. über bezahlte ReferentInnenstellen und die sonstige Verteilung der Gelder entscheidet. Die AStA-Zeitung kann also als "Regierungsblatt" verstanden werden, wobei es von der Regierung abhängt, wieviel "Fremdmeinung" sie darin zuläßt.


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen.
Nachdruck nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.