Oldenburger STACHEL Nr. 12/94

CASTOR, die 6.

Wendländischer Widerstand besteht neue Kraftprobe

Wendl,ndischer Widerstand besteht neue Kraftprobe

"Am 24. November '94 sollte zum sechsten Mal versucht werden, einen CASTORbehälter von Phillipsburg nach Gorleben im Landkreis Lüchow- Danneberg zu fahren.

In diesem Lager für hochaktiven Atommüll sollen 420 sogenannte CASTORbehälter mit abgebrannten Brennelementen eingelagert werden. Jeder CASTOR enthält dabei das radioaktive Inventar von 40 Hiroshima- Bomben. Gekühlt werden die heißen Behälter durch die Luft, die die offene Lagerhalle von unten nach oben durchstreichen, die Sicherheit muß also allein durch die Behälter selbst gewährleistet sein. Bei der beabsichtigten Lagerdauer von 40 Jahren können aber bislang unkalkulierbare Probleme auftreten: unter der Hitze und als Folge der radioaktiven Dauerstrahlung sind Materialermüdung und Versprödung der Behälter nicht auszuschließen. Da die Behälter unter Wasser beladen werden, gibt es zusätzliche Probleme mit der Korrosion.

In Gorleben gibt es zudem keine ,heiße Zelle" , d.h., ein undichter CASTOR müßte ins nächstpassende Atomkraftwerk zurückgefahren werden. Obwohl das Zwischenlager eindeutig eine atomare Anlage ist, wurde es statt Atomrecht einfach nach Baurecht gebaut, wie eine Scheune.

Nach der ,Zwischenlagerung" soll der hochradioaktive Müll in ein ,Endlager" eingelagert werden. Ein solches Endlager gibt es aber nicht... !

Schon der Transport der CASTORbehälter setzt die Bevölkerung und das Transportpersonal einer beträchtlichen Gefährdung durch Strahlenbelastung aus. So setzt die Polizei denn auch keine Frauen und Männer unter 25 Jahren in CASTORnähe ein.

Am Tag X, dem Montag vor dem Einlagerungstermin, hieß es im Wendland wieder:

, Wir stellen uns quer ,

Unter diesem Motto standen auch die zahlreichen Vorfeldaktionen.

_ Am Freitag wurden um 17.00 Uhr bundesweit Notbremsen in Zügen gezogen.

_ In vielen Städten, wie auch in Oldenburg, wurden Ortsschilder mit der Aufschrift ,Gorleben

ist überall, wir stellen uns quer" überklebt.

_ Wie im ganzen Wendland haben sich auch in Oldenburg BürgerInnen öffentlich in Zeitungen

zum Widerstand bekannt.

_ Am Samstag begann dann die heiße Phase: Als Auftaktaktion gingen über 2500 Bürgerinnen

und Bürger auf die CASTORtransportgleise. Sie ließen sich weder durch massive Polizeipräsenz noch durch ein verhängtes Demonstrationsverbot abschrecken. Um die Gefährlichkeit des Atommülls wissend , ließen sie sich nicht den Mund verbieten und setzten ein friedliches und deutliches Zeichen ihrer Widerstandsbereitschaft.

_ Am Sonntag wurden vormittags Züge auf der Strecke Hitzacker- Danneberg blockiert.

_ Mittags war eine 50- köpfige Gruppe Jugendlicher aus dem ganzen Bundesgebiet entschlossen, den CASTOR wegzuputzen. Sie waren mit Spülmittel, Wäscheleinen und Schrubbern ausgerüstet, um sich dem Atommüll in den Weg zu stellen. Im Ernstfall drohten sie, den CASTOR auf einer Zufahrtsstraße nach Gorleben mit Schmierseife ,ins Schleudern zu bringen".

Ähnliche kreative Proteste hielten die Polizei in Atem. Neben dem Ärger über blockierte Straßen und Scheinen hatte die Polizei auch Probleme mit ihrer Unterkunft: eigens zur Bewachung von Atommüll- Transporten gebaute sta"d"tliche Polizeikasernen reichten zur Unterbringung nicht mehr aus; es mußten Schulen und Turnhallen hinzugezogen werden.

Nun aber zum eigentlichen Tag X:

Das Wendland wollte den CASTOR stoppen bevor er losfährt. Ab Dienstagnacht 0.00 Uhr war für das Gorlebener ,Zwischenlager" ein Versammlungsverbot verhängt worden. WendländerInnen waren sich darin einig, auch dieses Verbot zu ignorierten. Daher riefen sie zu einer Demonstration am Montagabend bis 24.00 Uhr auf. Es sollte heiße Suppe für alle, Musik und Tanz sowie Freiluftkino und Hüttenbau geben. Durch ein Vorziehen des Versammlungsverbotes auf Montagabend 18.00 Uhr wurde versucht, auch diese Kundgebung zu unterbinden. Mit gemischten Gefühlen saßen die ersten AtomkraftgegnerInnen vor dem ,Zwischenlager" und sahen dem Abend entgegen.- Auf dem Marktplatz in Lüchow hatten sich über 1500 Menschen zu einer Mahnwache versammelt, als um 18.30 Uhr die erlösende Meldung kam, daß der CASTOR vorerst nicht kommt. Wegen einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtes in Lüneburg darf der CASTOR v o r e r s t nicht losfahren.

Sich wieder über das Versammlungsverbot hinwegsetzend kamen 2500 Menschen vor das ,Zwischenlager"; aus der geplanten Protestkundgebung wurde ein Freudenfest.-

Wie lange diese Freude anhalten wird ist noch ungewiß. Zwar konnte die Anti- Atomkraftbewegung im Wendland einen weiteren Sieg verbuchen; zum Jahreswechsel soll es zu erneuten EinlagerungsVERSUCHEN kommen ... bei Versuchen hat es zu bleiben.

Wer daran beim nächsten Mal mitwirken möchte, in Oldenburg oder Gorleben, sollte sich mit der OlgA (OldenburgerInnen gegen Atomanlagen) in Verbindung setzen.

Tel.: 0441/ 53121 Urs Ansgar Kintz


Diese Veröffentlichung unterliegt dem Impressum des Oldenburger Stachel. Differenzen zur gedruckten Fassung sind nicht auszuschließen. Vervielfältigung bitte nur mit Quellenangabe, Belegexemplar erbeten.