Oldenburger STACHEL Nr. 12/94

Solidarität statt Ellenbogen-Gesellschaft

"Die Maßstäbe unserer Gesellschaft scheinen sich immer mehr zu verschieben. Leistung und Durchsetzungsvermögen werden belohnt, Schwäche und Solidarität bestraft. Es zählt nur noch die Mentalität eines Bullterriers und nicht mehr die eines Menschen mit Gemeinsinn. Eine sog. ,liberale" Partei, wie die FDP, stellt sich im Bundestagswahlkampf hin und wirbt als ,Partei der Besserverdienenden" um Stimmen, nimmt diese Bezeichnung zwar zurück, nicht aber das politische Konzept, das hinter dieser Bezeichung steht. Leistungseliten sollen wieder auferstehen und die Führung dieses Staates übernehmen.

Im Kanon solcher Bestrebungen führt sich der Artikel von Michael Krause im letzten Stachel gut ein. Er fordert den Rückbau der KGS oder IGS zum dreigliedrigen Schulsystem, um zu verhindern, daß leistungsstarke Schülerinnen und Schüler unterfordert und leistungsschwächere überfordert werden. Dies ist sicherlich der falsche Ansatz, wenn man die Probleme unserer Gesellschaft einmal näher betrachtet. Die grundlegenden Fragen dieser Zeit, die nicht zuletzt die jungen Menschen betreffen, für die das ,Land fitgemacht werden soll", wenn man der alten und neuen Bundesregierung glauben darf, bedürfen keiner Klassengesellschaft, sondern einer solidarischen Gemeinschaft. Das Konzept einer Gesamtschule, in der schwächere und stärkere Schülerinnen und Schüler zusammen lernen sollen, entspricht diesem Ziel eher, als die leistungsgeprägte Dreigliedrigkeit.

Auch in einer Gesamtschule geht es um Leistungen, auch hier werden Schülerinnen und Schüler bewertet und auch hier gibt es Menschen, die den Anforderungen nicht gerecht werden können. Dies gilt selbstverständlich auch für eine Hauptschule, eine Realschule oder ein Gymnasium. Darüber hinaus soll die Gesamtschule aber ein weiteres Ziel erreichen: Die Gemeinsamkeiten zwischen Schülerinnen und Schülern dieser drei Schulformen aufdecken und fördern. Das gemeinsame Lernen unter einem Dach fördert die Integration schwächerer Schülerinnen und Schüler in die Gesellschaft eher als das separate Lernen in den drei Schulformen. Das Ziel, eine solidarische Gesellschaft aufzubauen, wird so sicherlich eher erreicht.

Gemeinsame Lösungen

Wenn sich Michael Krause vollmundig als Mitglied des Landesschülerrates bezeichnet, dann sollte er sich fragen, ob es dem Selbstverständnis eines Sprechers für alle Schülerinnen und Schüler dieses Landes entspricht, Leistungsunterschiede auch noch besonders hervorheben zu wollen. Die mittlerweile von den Anforderungen an die Gesellschaft überholte Dreigliedrigkeit ist das falsche Rezept zur Bewältigung der anstehenden Probleme - dies sollte gerade auch ein Mitglied des Landesschülerrates wissen. Ob die Gesamtschule in der bisherigen Form diesen Anforderungen entspricht, ist eine andere Frage. Allerdings, und davon bin ich überzeugt, ist sie ein Schritt in die richtige Richtung, der natürlich verbesserungsfähig ist.

Richtig ist sicherlich, daß Kürzungen im Bildungsbereich der falsche Weg in die Zukunft ist. Die Verordnung von einer Stunde bzw. einer halben Stunde Mehrheit für Lehrerinnen und Lehrer ,von oben" ist sicherlich der falsche Umgang miteinander, vielmehr sollten sich alle Beteiligten - Politiker, Lehrer, Eltern und Schüler - an einen Tisch setzen, um gemeinsam nach einer Lösung für den Bildungsbereich zu suchen, denn die angespannte Finanzsituation erfordert Einsparungen, auch im Bildungsbereich, es fragt bloß wo sie sinnvoll sind. Auch ist Solidarität notwendig. Wie sollen aber junge Menschen diese lernen, wenn die ,Alten", die doch eigentlich als Vorbild dienen sollen, diese selbst nicht ausüben ?

Überprüfung der Lerninhalte

Die Überprüfung der Lehrpläne auf sinnvolle Inhalte, eine Veränderung des Lernstils und eine höhere Gewichtung von praxisorientierter und methodischer Lerninhalte ist überfällig. Die bloße Fakten- und Wissensvermittlung führt uns nicht weiter. Was wir brauchen, ist eine Schule, die es versteht, junge Menschen auf das ,Leben" vorzubereiten, ihnen zeigt, wie gelernt werden und was mit Gelerntem angefangen werden kann. Zensuren- und Leitungsdruck sind hier das falsche Mittel, vielmehr Teamgeist und Gemeinsamkeit sollten gefördert werden. Die Gesamtschule kann hierzu einen Beitrag leisten, wie effektiv dieser ist, mag man in Frage stellen. Das dreigliedrige Schulsystem ist auf jeden Fall keiner.

Bildung wichtiges Gut

Die Bidung als eines der wichtigsten Güter einer Gesellschaft anzuerkennen scheint in der heutigen Situation für die Verantwortlichen schwierig zu sein. Sparen darf keinen Kahlchlag in diesem Bereich bedeuten. Ein reduziertes Bildungsangebot, überalterte Kollegien und Regelungswut der Kultusministerien werden sich nachhaltig auf die Gesamtentwicklung unseres Landes auswirken. Die dadurch entstehenden Probleme werden uns mehr Geld kosten, als jetzt durch diese Maßnahmen eingespart werden kann. Es bedarf einer bewußten Gewichtung bei der Verteilung der Gelder. Dem Potential von morgen, den Kindern und Jugendlichen, das Geld zu streichen, ist sicherlich falsch. Dies betrifft schließlich nicht nur Schulen, sondern auch Jugendzentren und jugendorientierte Freizeitangebote.

Durch eine gemeinsame Initiative aller Beteiligten können wir für dieses Land etwas erreichen, auch in der Gestaltung unserer Bildungseinrichtungen. Die Rezepte von gestern, die Dreigliedrigkeit des Schulsystems, helfen uns weder heute noch morgen.

Sebastian Weber

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