Oldenburger STACHEL Nr. 11/94

Schöner wohnen in Blauen Zonen?

Die Planungen der Blauen Zonen gehen einem (bitteren) Ende zu. Seit einiger Zeit ist im Gespräch, für Anwohnende besondere Parkrechte zu vergeben. Im September legte die Stadtverwaltung dem Verkehrsausschuß ihre Vorstellungen vor.

Danach sollen die Blauen Zonen zunächst versuchsweise im Frühjahr 1995 in dem Teil des Dobbenviertels eingeführt werden, der auch Stadtgraben, Haarenufer, Lindenallee/Meinardusstraße und Gartenstraße eingegrenzt wird. Für die Umsetzung hat die Stadt zwei Konzepte vorgeschlagen:

Parkplätze für Interessengruppen

In der ersten Variante wird zwischen drei Sorten von Parkplätzen unterschieden: "Anwohner-", "Misch-" und Kurzzeitparkplätze". Auf den 83 geplanten "Anwohnerparkplätzen" dürfen nur diejenigen ihr Auto parken, die einen Berechtigungsausweis haben. Die 208 sogenannten Mischparkplätze stehen sowohl Anwohnenden mit Ausweis als auch Kurzzeitparkenden mit Parkschein (für 1DM pro Stunde) zur Verfügung. Der Rest der Plätze (ca 250 Stück) ist ausschließlich für Kurzzeitparkende mit Markschein gedacht.

Parkplätze für alle

In der von der Stadtverwaltung favorisierten Variante 2 ist vorgesehen, nur Mischparkplätz e einzurichten. Sie erhofft sich dadurch Kosten für die Beschilderung einzusparen. Diese belaufen sich bei Variante 1 wegen der unterschiedlichen Parkplatztypen auf ca. 69000 DM und bei Variante 2 auf 15000 DM. Hinzu kommt in beiden Varianten die Anschaffung von 20 Markscheinautomaten für ca. 300000 DM (tja, hätten sie mal die Parkuhren behalten, die sie letztes Jahr für 50 Mark verscherbelten , d.S.), sowie zusätzliche 110000 DM pro Jahr für zusätzliches Kontrollpersonal.

Zonen im Sinne der Anlieger?

Wer glaubt, die Planungen seien im Sinne der Anwohnenden, befindet sich auf der berühmtesten Straße des Dobbenviertels - dem Holzweg.

Für Unzufriedenheit dürfte die Regelung sorgen, daß die Anwohnerparkrechte für 60 DM bei der Stadt zu erwerben sind, wenn das Auto in der eigenen Straße parken soll, obwohl der Betrag im Vergleich zu den anderen laufenden Autokosten gering ist. Die Parkgebühren haben auch zur Folge, daß Besuch, der tagsüber kommt und aufs Auto angewiesen ist (weil vom Land), im Nachbarviertel parken, die Gebühren zahlen oder zuhause bleiben muß. Für längeren Besuch und für häusliche Krankenpflege soll es Sonderparkregelungen geben, doch dazu hat sich die Stadtverwaltung noch nicht näher geäußert.

Freies Parken, wenn Anwohner heimkommen

Klare Vorstellungen hingegen hat sie hinsichtlich des Bewirtschaftungszeitraumes. Es ist vorgesehen, nur in der Zeit von 9 bis 16 Uhr an Werktagen Gebühren zu kassieren. Das heißt, daß anschließend alle Parkplätze bis zum nächsten Morgen zugeparkt werden können, also auch zu der Uhrzeit, wenn Anwohnende heimkommen (z.B. um 17 Uhr). Andererseits heißt das auch, daß Anwohnende, die täglich von 8 bis 17 Uhr mit dem Auto unterwegs sind, keine Gebühren (auch keine 60 DM) zahlen müssen. Es sei denn, sie sind einmal krank...

Stärkerer Verkehr im Dobbenviertel?

Zur Zeit parken laut Stadtverwaltung über 75% Langzeitparker in dem Bereich. Mit Einführung der Blauen Zonen werden sie auf andere Viertel ausweichen und die Parksituation dort verschlechtern. Auch im Dobbenviertel ist eine Verschlechterung zu erwarten, vermuten Jürgen Rohde vom ADFC und Mechthild Tameling von den Grünen. Die jetzt besetzten Plätze werden dann frei sein für Leute, die kurz ihr Fahrzeug stehenlassen möchten. Das bedeutet, daß die Autos auf den Parkplätzen häufiger wechseln, wenn Stadtverwaltung, IHK und einige Ratsparteien damit recht haben, daß es zu wenig Parkplätze in der Stadt gibt. Eine Verkehrszunahme hätte für die Anwohnenden mehr Lärm, mehr Abgase und eine erhöhte Unfallgefährdung zur Folge.

Gefährdung von Fußgängern steigt

Gesteigert wird das Unfallrisiko auch durch häufigeres Rangieren auf den Fußwegen, wo während der Kurzparkzeit viele Alte und Schulkinder unterwegs sind. Wie Stadtbaurat Hans-Martin Schutte beobachtet hat, wird im Dobbenviertel mehrheitlich zu Lasten der FußgängerInnen auf Gehwegen geparkt. Zwar solle, so sagte Herr Schutte, die Zahl der Stellplätze sinken, doch fallen außer an den Straßenecken nur die Gehwegparkplätze in der Lindenallee in Höhe des Herbartgymnasium weg.

Doch die Verwaltung sieht derlei Probleme nicht, da sie, so Ordnungsamtsleiter Walter Ramin, nicht an einen Parksuchverkehr glaubt. Die Wege in die Innenstadt seien zu weit, meinte er. Anders argumentiert Stadtdirektor Eckart Otter. Er wies gegenüber dem Verkehrsausschuß vom 19.10. alle Bestrebungen, das Viertel zu beruhigen, weit von sich. Er strebe lediglich eine Verdrängung der Langzeitparkenden an.

Fraktionen sind unentschlossen

Während sich die CDU mit Kommentaren zurückhielt - sie mußte das Thema noch beraten -, kritisierten SPD, Grüne und der ADFC die Pläne. Herr Hoppe (SPD) sah sich in der Pflicht der Anwohnenden gegenüber und schien sich nicht recht mit der 2. Variante anfreunden zu können. Mechthild Tameling (Grüne) wies darauf hin, daß die Verwaltung eine neue Möglichkeit gefunden habe, ihre Stadtkasse aufzubessern, und befürchtete eine Verkehrssteigerung.

Gute Ideen vom ADFC

Die Gedanken von Jürgen Rohde vom ADFC gehen jedoch am weitesten. Wie er gegenüber dem Stachel mitteilte, beobachte er bereits jetzt eine Tendenz, Autostellplätze im Vorgarten zu bauen. Besondere Probleme sieht er in den Voraussetzungskriterien für den Erwerb von Anwohnerparkrechten. Unter Punkt 4 heißt es "Es muß der Nachweis geführt werden, daß kein Stellplatz auf dem Grundstück eingerichtet werden kann." Im Umkehrschluß hieße das, die Hausbesitzer sollten ihre Gärten für Autos zubetonieren. Nicht nur für Jürgen Rohde gehören die Gärten zum schützenswerten und attraktiven Bestandteil des Viertels. Außerdem erhöht sich durch die Benutzung der Gartenparkplätze der Autoverkehr über die Fußwege.

Nach Forderungen des ADFC soll Punkt 4 daher gestrichen werden. Die Anwohnenden sollten vielmehr dazu angehalten werden, ihre Vorgärten grün zu lassen.

Ginge es nach Jürgen Rohde, bekämen nur die Anwohnenden Parkplätze in den Blauen Zonen. So würde die Möglichkeit geschaffen, die Straße zu verschönern, indem überflüssige Parkplätze renaturiert würden, z.B. durch Pflanzen eines Baumes, Gebüsch o.ä. Er hält es auch für sinnvoll, dort eine Sitzbank aufzustellen. Diese Atmosphäre brächte wieder mehr Kommunikation im Viertel, was sich besonders gut bei heftigen Schneefällen beobachten läßt, wenn kein Autolärm jegliche Unterhaltung zunichte macht.

Entscheidungen stehen an

Doch dieses wird wohl leider zunächst Utopie bleiben, weil keiner der Verantwortlichen diese Vorteile anerkennt. Bleibt zu hoffen, daß der Winter wieder ein Einsehen hat.

Bis dahin wird im Verkehrsausschuß das Thema wieder auf der Tagesordnung gestanden haben. Die Entscheidung soll am Mittwoch, dem 23.11., wahrscheinlich im Alten Rathaus, in der Nähe der Lambertikirche, in Zimmer 24 thematisiert und beschlossen werden. Da der Versuch schon im Frühjahr 1995 starten soll, ist das Thema auch auf der Dezember- Ratsitzung zu erwarten. Um den Jahreswechsel herum soll es eine Bürgerinformation dazu geben. Sollte sich nach der Einführung herausstellen, daß die Kapazität im Dobbenviertel ausreicht, sollen auch Parkrechte an BewohnerInnen der Fußgehzone vergeben werden. Ist das ganze Projekt erfolgreich, soll, so schlägt die Stadtverwaltung vor, das Gebiet westlich der Peterstraße ebenfalls zur Blauen Zone erklärt werden.

muh


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