Dieser Artikel hat in der Redaktion eine Diskussion ausgelöst. Wir fänden es spannend, zu erfahren, was ihr über dieses Thema denkt und rufen hiermit zur öffentlichen Diskussion auf. Die Red.
Unsere Investitionen in den Bildungssektor haben seit dem Wirtschaftsaufschwung in den 70er Jahren kontinuierlich abgenommen. Anstatt des damaligen hohen Schulbildungsniveau eine Art sichere Position zu verschaffen, hat der Vorgang der finanzielllen Kürzung eingesetzt, dem bis einschließlich 1994 kein Einhalt geboten wurde.
Die Schulbildung stellt im alltäglichen Leben eine Art Grundlage für das Vorankommen eines jeden dar. Kürzt man also diese Grundlage auf ein Minimum, so reduziert man die Chance auf einen gesicherten Platz in unserer Gesellschaft. Natürlich gibt es hierbei Ausnahmen, die sich entweder als Lebenskünstler oder als hartnäckige Menschen durchsetzen können. Ich denke allerdings, daß Hartnäckigkeit oder die Einstellung eines Lebenskünstlers nicht die neuen Maßstäbe der kommenden Generationen darstellen sollten.
Um dieser Entwicklung entgegenwirken zu können, bedarf es eines wieder etwas leistungs- orientierteren Schulbildungssystems, daß nicht durch KGSn oder IGSn getragen wird. In beiden Gesamtschulformen vollzieht sich ein Prozeß der Gleichmachung, die abstrakt wie folgt ausgedrückt werden könnte:
Die vermeintlich besseren SchülerInnen werden besonders in ihren bevorzugten Gebieten unterfordert und die weniger leistungsfähigen SchülerInnen versucht man auf ein höheres Niveau zu bringen, das sie häufig überfordert. Versucht man dann diejenigen aufzufangen, die es trotz aller Bemühungen nicht schaffen, muß man das gesamte Bewertungssystem "nach unten" verlagern. Gelegentlich nennen Befürworter des Gesamtschulensystems den Punkt, daß den Schülern nicht immer vor Augen gehalten wird, daß sie auf eine Hauptschule gehen würden, son- dern daß sie ein Teil einer eben einheitlichen Gesamtschule bilden. Meiner Meinung nach liegt aber nichts näher, als daß allen Beteilig- ten schnell klar wird, welche Fähigkeitsdifferenzen herrschen, wenn alle in einer Klasse sitzen. Versucht man nun aber dieses Problem zu untergraben, indem man die SchülerInnen gemäß ihren Leistungen in verschiedenen Kurse mit bestimmten Bezeichnungen zu verlegen, so hat man dasselbe Problem ( Hauptschule, Realschule, Gymnasium ) nur noch einmal in Grün und unter einem Dach. Ob dies dann die absolute Lösung der Frage nach der Deklassierung ist, stelle ich bewußt in Frage.
Die Lehrer-Arbeitszeitverlängerung war ein Schuß, der mehr als nur nach hinten losging, denn der Bildungsbereich sollte der letzte Bereich sein, in dem die jeweils amtierende Regierung ihre Kürzungspläne ansetzt. Die Schüler wurden zur Solidarität mit den Lehrkräften insofern gezwungen, als daß sie ansonsten auf ihre Kurs- u. Klassenfahrten verzichten müßten. Außerdem sind zu große Klassen und Unterrichtskürzungen der Leistung der Klassen und Kurse nicht unbedingt förderlich.
Um auch in Zukunft die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands auf dem Welt- markt garantieren zu können, sollte zumindestens der Bildungsstandard erhalten bleiben. Kürzungen im Bildungsbereich sind sehr kurzzeitige Pseudo-Lösungen, denn die Langzeitfolgen dieser Kürzungen würden die Effektivität der Wirtschaft noch weiter schmälern, wenn sie sie nicht sogar eines Tages lahmlegen würden. (Zurückgehende Schulbildung contra wachsende Anforderunge im Berufsleben und steigende Spezialisierung) Ich möchte aber lieber keine Langzeitprognose wagen, denn dies würde sich meiner Kompetenz entziehen.
Zuletzt möchte ich noch daraufhinweisen, daß unsere Universitäten deshalb so überlaufen, weil die Maßstäbe der allgemeinbildenden Gymnasien mittlerweile häufig nur ein Armutszeugnis ausstellen. Im Moment gehen in Oldenburg nahezu 50 % der SchülerInnen im konventionellen Sinne auf Gymnasien (vor 25 jahren waren es geradezu 7-10% je nach Region) . Ich kann mit Sicherheit sagen, daß die Jugend von heute bestimmt keinem Intelligenzaufschwung unterliegt, was wissentschaftliche Tests belegen. Dann bliebe schließlich nur noch, daß die Ansprüche der Gymnasien deutlich (vielleicht radikal) gesunken sind. Einige Schulen sind zum Glück aufgewacht und haben das Ruder herumgerissen.
Die Ergebnisse solcher Kehrtwendungen sind umwerfend im wahrsten Sinne des Wortes (z.B. 12 x 1 Punkt LK Biologie von 18 SchülerInnen , d.h. 66,67 % mangelhaft). Ich habe Bedenken, daß viele Schulen erst dann merken, daß sie sich im freien Fall befinden, wenn sie entweder aufgeschlagen sind, weil das Niveau nicht mehr zu senken ist, oder aufgelöst worden sind, weil Gesamtschulen ihre Funktion übernehmen. Ich persönlich erlebe immer häufiger, daß SchülerInnen der 13. Klasse häufig nicht einmal mehr zweistellige Zahlen ohne ihren Taschenrechner zusammenzählen können, wobei ich vom subtrahieren gar nicht erst reden möchte. Hinzu kommt die mangelnde Kreativität, häufig durch Medienkonsum verursacht, und die steigende Orientierungslosigkeit der heutigen Jugend. Um an dieser Stelle aber nicht auf eine Grundlagendiskussion (bzw. -stellungnahme) überzugehen, möchte ich als aktives Mitglied des Landesschülerrats in Hannover dazu aufrufen, etwas gegen diesen freien Fall unseres früher einmal leistungsstarken Bildungssystems zu tun und die kurzsichtige Politik des Kultusministeriums zu stoppen. Vielen Dank !
Michael Krause