Oldenburger STACHEL Nr. 9/94

Niemand wollte es wissen

Was geschah mit den aus dem Gertrudenheim Kloster Blankenburg im Jahre 1941 abtransportierten Kindern?

Am Freitag, dem 12. September 1941 ging beim Oldenburgischen Innenministerium ein Schreiben aus Berlin ein mit der Anordnung, die psychiatrische Anstalt Kloster Blankenburg zu räumen:

Betrifft: Gertrudenheim Kloster Blankenburg. Im Auftrage des Herrn Reichsverteidigungskommissars habe ich aus obiger Anstalt am Freitag, den 19. September 1941, 290 Geisteskranke nach Regensburg zu verlegen...

Absender war die "Gemeinnützige Krankentransport GmbH", hinter der sich eine Scheinfirma des NS-"Euthanasie"-Programms verbarg. Seit 1939 war es die Aufgabe dieses "Unternehmens", Patienten aus den psychiatrischen Anstalten in die Vernichtung abzutransportieren. Nach der erbbiologistischen "Lehre" sollten Menschen, die zu sogenanntem "lebensunwerten Leben" erklärt wurden, einen "Gnadentod" erfahren. Das Wort "Euthanasie" bedeutet in der Übersetzung "schöner Tod".

Die Oldenburger Behörden reagierten kaum überrascht. Hatten sie gewußt, was den Blankenburger Patienten drohte? Immerhin gab es eine persönliche Verbindung von der Oldenburger Regierung direkt in die Zentrale des "Euthanasie"-Programms nach Berlin: Der ehemalige Oldenburger Ministerialdirektor Dr. med. Fritz Cropp hatte Karriere gemacht und zählte nun zu den leitenden Beamten dieses Vernichtungsprogramms.

Binnen weniger Tage, quasi übers Wochenende, hatten sich der Landesfürsorgeverband als Träger der Anstalt Blankenburg und die ärztliche Leitung auf die Situation eingestellt. Am 15. September wurde aus Berlin schriftlich erläutert, worum es ging. Blankenburg sollte geräumt werden, weil "der Führer angeordnet hat, daß für besonders luftgefährdete Orte, so auch für Wilhelmshaven, Ausweichkrankenhäuser geschaffen werden." Das Schreiben stammte von der "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten", einer weiteren Einrichtung des "Euthanasie"-Programms. Es wurde mit dem Stempel "Geheim" versehen, und noch am selben Tag traten die Verantwortlichen zusammen, um die "Verlegungs- und Transportfrage eingehend" zu besprechen.

Die Einzelheiten des Transports waren von Berlin festgelegt. Unter anderem sollte die Patienten Verpflegung für einen Tag erhalten. "Die Markierung der Kranken" sollte mit einem "Leukoplaststreifen zwischen den Schulterblättern" erfolgen. Sogar der Wortlaut des Schreibens, mit dem die Angehörigen zu benachrichtigen waren, wurde vorgegeben:

Aufgrund eines Erlasses des zuständigen Reichsverteidigungskommissars wurde heute der Pflegling... durch die Gemeinnützige Krankentransport GmbH in eine andere Anstalt verlegt, deren Name und Anschrift mir noch nicht bekannt sind. Wie sich heute herausstellt, stammte dieser Wortlaut von einem Mitteilungstext, mit dem Angehörige über Abtransporte aus der Heil- und Pflegeanstalt Waldheim benachrichtigt worden waren: Transporte, die in die Vernichtungslager führten. Die Anstalt Waldheim in Sachsen gilt durch seinen damaligen Direktor Dr. Wischer heute als bekannt und berüchtigt für ihr eifriges Mitwirken am NS-"Euthanasie"-Programm.

Kannten die Oldenburger Ärzte und Behörden das Ziel der Deportation wirklich nicht? Es ist heute nicht mehr feststellbar, wann die Angehörigen informiert wurden. Fest steht jedoch, daß man mit Datum vom 24. September 1941 die Heimatgemeinden der Patienten als Kostenträger über das Ziel in Kenntnis setzte: Die "Heil- und Pflegeanstalt Kloster Kutzenberg in Lichtenfels/Erlangen".

Zum Zeitpunkt der gewaltsamen Räumung lebten in der "Unterrichts- und Pflegeanstalt Blankenburg" 285 Patienten aller Altersgruppen, aber überwiegend Minderjährige. Neben den eigentlichen Psychiatriebedürftigen gab es eine große Zahl von Sozialfällen, wie etwa verhaltensauffällige Kinder. Von den 220 für den Abtransport vorgesehenen Patienten waren 20 unter 6, 64 waren 6 - 14 und 54 Patienten 15 - 21 Jahre alt. Das jüngste Kind war zwei Jahre alt. Noch heute ist deshalb von den "Blankenburger Kindern" die Rede.

Neben den 30 nach Wehnen verlegten Patienten verblieben 35 in Blankenburg zur Aufrechterhaltung des umfangreichen landwirtschaftlichen Betriebes der Anlage.

Über den Abtransport vom 19. September gibt es dramatische Berichte, aber wenig Dokumente. Mit Pekolbussen ging es zum Bahnhof. Aus Gründen der Geheimhaltung wurden die Patienten offenbar über den Güterbahnhof geschleust. An der Rampe nahm der Anstaltsleiter von Wehnen, Obermedizinalrat Dr. Petri, die Aufsicht wahr. Pflegerinnen sollen versucht haben, den Abtransport durch die SS, denn nichts anderes verbarg sich hinter der "Gemeinnützigen Krankentransport", zu verhindern bzw. sich in den Transport hineinzuschmuggeln. Eine Legende besagt, daß es einer Diakonisse gelungen sei, mit einem Teil der Patienten irgendwo umzusteigen und monatelang kreuz und quer mit der Bahn durch das Reich zu fahren, bis sie mit ihren Schützlingen wohlbehalten nach Oldenburg zurückgekehrt sei.

Verläßliche Informationen über das weitere Schicksal der abtransportierten Menschen waren bis zum Anfang dieses Jahres nirgendwo zu erhalten. Zwei unbestätigte Versionen kursierten, deren erste besagte, daß fast alle Blankenburger Patienten in den Zielanstalten umgebracht worden seien. Die zweite und weitaus gängigere Version lautete, daß niemandem ein Leid zugefügt worden sei. "Unsere damals abtransportierten Kinder blieben durch Gottes Bewahrung - anders kann ich es nicht sehen - vor der brutalen Vernichtung bewahrt", schrieb eine Diakonisse.

Die Wahrheit hätte mit wenig Aufwand sehr schnell festgestellt werden können. Wenn auch die Oldenburger Behörden, vor allem der verantwortliche Landesfürsorgeverband, während der Dauer der NS-Diktatur dem Verbleib seiner Schützlinge nicht auf den Grund gehen konnte oder wollte, so wäre es nach der Kapitulation ein Leichtes gewesen, bei den Anstalten in Erlangen und Kutzenberg einmal nachzufragen. Es gab keinen Grund, solcherlei Auskünfte nicht zu erwarten, denn die Nazis hatten über ihre Vernichtungsaktionen fein säuberlich Buch geführt. Als der Verband im Jahre 1950 einen Bericht über die Ereignisse vorlegte, schrieb er zwar, "daß die Pfleglinge nach dem Kriege in die Heimat zurückgeführt werden" sollten, ließ es aber bei dieser Bemerkung bewenden. Mit keinem Wort ging der Verband auf seine selbstverständliche Informationpflicht ein. So wurde der Eindruck verstärkt, das Schicksal der Blankenburger Patienten sei unaufklärlich.

Folglich lag es bei den HistorikerInnen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Seit Mai 1994 liegen die ersten Listen vor. Es stellt sich heraus, daß von den deportierten Blankenburger Patienten mehr als die Hälfte das Kriegsende nicht mehr erlebt haben. Sie starben angeblich an verschiedenen Symptomen, besonders "Darmtuberkulose", aber auch "Pneumonie", "Sepsis", "Epilepsie", "Herzmuskelentartung" und anderen mehr. Man kann heute nicht mehr nachprüfen, ob diese Todesursachen zutrafen, aber in höchstem Maße verdächtig ist die Sterberate von über 50 Prozent.

Bei den meisten Anstalten im damaligen Deutschen Reich erhöhte sich im Laufe der Naziherrschaft die Sterblichkeit. In der Anstalt Wehnen zum Beispiel stieg sie von 14,8 Prozent im Jahre 1941 auf 30,6 Prozent im Jahre 1945. Die Forschung geht heute davon aus, daß sich so gut wie keine Anstalt aus der "Euthanasie" herausgehalten hat.

Die Gruppe aus Blankenburg weist mit über 50 Prozent eine besonders hohe Sterblichkeit auf. Daraus muß geschlossen werden, daß von den 220 Deportierten die Hälfte ein Opfer des "Euthanasie"-Programms wurde.

Damit wären 53 Jahre nach dem Abtransport der Patienten aus dem Kloster Blankenburg drei Dinge geklärt: Erstens, daß die Deportierten bis Kriegsende größtenteils starben, zweitens, daß sie offenbar keines natürlichen Todes starben, und drittens, daß es von den Verantwortlichen niemand hatte wissen wollen.

Ingo Harms


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