Die Bevormundung alter Menschen, die im Alltag als "Wie haben jetzt Hunger, mach schön den Mund auf" zu beobachten ist, wird derzeit auch auf lokalpolitischer Ebene durchgeführt. Ohne Rücksicht auf das soziale Lebensgefüge der Bewohner/innen des einzigen städitischen Seniorenheims am Schützenweg wird dessen Schließung besiegelt. Die Bewohner/innen, Angestellten, Nachbarn, Verwandte, die Kirchengemeinde und viele andere Menschen sind verärgert darüber, wie die Stadtverwaltung hinter verschlossenen Türen über die Schicksale der alten Menschen entscheidet und sie vor vollendete Tatsachen stellt.
Das städtische Heim am Schützenweg wurde vor über 100 Jahren als Armenhaus erbaut und später zu einem Seniorenheim umfunktioniert. Viele Menschen, die am sozialen Abgrund standen, konnten von diesem Heim aufgenommen werden. Eine Gemeindeschwester weiß zu berichten, daß dort oftmals innerhalt kürzester Zeit ein Heimplatz zur Verfügung stand, wenn Eile geboten war. Die Türen standen offen für einen 50jährigen Alkoholiker, der obdachlos wurde, und sogar eine 43 Jahre alte Magd, die Stellung und Zimmer verlor, konnte vor 30 Jahren ins Heim einziehen. Was wäre aus ihnen geworden, wenn ihnen der Weg versperrt geblieben wäre? Würden sie heute noch leben?
Die zur Zeit etwa 120 Senior/innen wohnen mitten im Haarentorviertel, einem Wohngebiet, in dem viele jüngere Menschen wohnen. Gleich nebenan befindet sich ein Kindergarten und gegenüber eine Grundschule. Alte und junge Menschen treffen sich nicht nur auf der Straße, sie besuchen einander. So kommen die Kindergartenkinder zu den Senioren ins Heim und singen - wer alte Menschen kennt, weiß wie sehr sie das lieben. Die Grundschüler/innen führen Stücke für sie auf. Auch die Mitglieder der dort ansäßigen Gemeinde Unternehmen viele Aktivitäten. Sommerfeste mit Flohmarkt und Ständen erfreuen sich großer Beliebtheit, auch Weihnachtsfeiern werden jährlich organisiert. Für Kreative gibt es Töpferkurse und ähnliches und wer "einfach nur" Spazierengehen möchte, geht in den Botanischen Garten, der erreicht werden kann, ohne dabei eine Straße überqueren zu müssen. Ideal für die Heimbewohner/innen ist der kurze Weg zum Kiosk, und einen Friseur gibt es auch. Das Verhältnis zur Jugend scheint tendenziell aufgeschlossen zu sein, schließlich ist es eine Besonderheit, als junger Mensch beim Vorbeiradeln am Altersheim von einem alten Herrn gegrüßt zu werden, obwohl beide einander nicht kennen.
"Ich bin 92. Wir wohnen hier (in diesem Haus) seit 1872!", pflegte eine, leider kürzlich verstorbene, alte Dame zu sagen. Aus ihren Worten spricht deutlich, daß es für sie nur einen einzigen Ort in der Welt gab, wo sie glücklich und zufrieden sein konnte: in ihrem alten Bauernhaus in Bürgerfelde.
Ähnlich geht es vielen alten Menschen. Im Heim am Schützenweg gibt es viele, die aus dem Haarentorviertel sind; bzw. schon seit 40 Jahren in dem Heim leben. Sie sind stark mit ihrer Heimat verbunden, haben Freunde, Bekannte und vielleicht sogar Verwandte, die sie zu Fuß besuchen können. Sie können ihre Lebensgewohnheiten zum Teil auch nach dem Einzug ins Heim beibehalten, weil ihre Leute in der Nähe geblieben sind. Und wen es in andere Stadtteile zieht, kann den Bus benutzen, der vor der Haustür hält. Dies für Alte ungeheuer wichtige Lebensqualität kann nur selten von anderen Heimen geboten werden.
Die gute Integration des Heimes in seiner Umgebung interessiert die Betreiberin, die Stadt, offenbar kein bißchen. Nach einer nicht-öffentlichen Sozialausschußsitzung vom 9.12.1993 drang die Nachricht durch, daß das Heim privatisiert und dann geschlossen werden sollte.
Die Überraschung und Verärgerung war groß, wurde doch hinter verschlossenen Türen über das Schicksal von über 100 Menschen entschieden. Befragt hatte sie niemand. Statt dessen wurden sie vor vollendete Tatsachen gestellt. Verwunderung äußerten Vertreter/innen der Parteien darüber, daß die Betroffenen aus heiterem Himmel fielen. Doch woher hätten sie Gewißheit erlangen sollen, verhandelt wurde stets nicht-öffentlich.
Auch jetzt ist es noch sehr schwierig, an Informationen über die Hintergründe der Schließung zu kommen. Wir versuchten ein Stellungnahme bei der Heimleitung zu bekommen - vergeblich. Dort wurde jegliche Auskunft verweigert. Es ist zu vermuten, daß die Stadtverwaltung ein Informationsverbot unter Kündigungsandrohung erteilt hat. Dieses scheint bei ihr gängige Praxis zu sein, denn für Stadtangestellte aus anderen Arbeitsbereichen kann z.B. das Verfassen von Leserbriefen ein Kündigungsgrund sein.
Bei unseren Recherchen haben wir daher bewußt darauf verzichtet, Beschäftigte des Heimes anzusprechen, sondern haben Leute befragt, die nicht bei der Stadt angestellt sind, um Repressionen der Stadt zu verhindern. Dabei wurde deutlich, daß es viele Informationen gibt, doch vieles davon nur gemunkelt werden darf, weil es in nicht-öffentlichen Sitzungen beraten wurde.
Die offizielle Begründung der Stadtverwaltung, das Heim zu privatisieren und schließen zu lassen, sind die Kosten, die für eine Renovierung anstehen und sich in Millionenhöhe bewegen.
Die hohen Zahlen kommen nicht plötzlich zustande, denn daß Renovierungen anstehen, ist seit vielen Jahren bekannt und die Tatsache, daß Kosten für nötige Reparaturen mit der Zeit steigen, ebenfalls. Statt dessen wurden vor zwei Jahren die dafür vom Rat bewilligten Gelder nicht ausgegeben, sondern sie wanderten in den Haushaltsrestetopf, der Ende 1993 insgesamt 51 Mio DM umfaßte. Mit anderen Worten: Die Verwaltung kam ihrer Pflicht nicht nach, Ratsbeschlüsse auszuführen, sondern entschied (anstelle des Rates), daß eine Investition mittlerweile sinnlos sei. "Man hätte", so die Pressesprecherin, "eher gucken können, man tat es aber nicht." Bleibt die Frage, weshalb nicht?
Statt Renovierung kam von Oberstadtdirektor Wandscher der lukrative Vorschlag, das Heim zu privatisieren, die Firma Oldenburger Wohnstift e.V. sei interessiert (Olli- Aktuell 3/94). Diese will die Kosten für die Sanierung auch nicht tragen, sondern irgendwo anders im Stadt(rand?)gebiet neu bauen, weil ein Neubau billiger ist. (Im Gegensatz zur Stadt bekäme sie als Privatträger übrigens Landeszuschüsse dafür.) Interessant wäre es, zu erfahren, wieso ausgerechnet der Oldenburger Wohnstift als Träger genannt wird...
Der Rat, so wurde uns berichtet, habe die Stadt aufgefordert, weiteren Trägervereinen dieses Heim anzubieten. Ob dieses mittlerweile geschehen ist, wissen wir nicht.
Ein weiterer interessanter Punkt fand bei unseren Recherchen Erwähnung: Zum Altersheim Schützenweg gehört eine zweckgebundene Erbschaft von mehreren Hunderttausend Mark. Dieses Geld wurde teilweise für einen Umbau investiert und muß bei einer Zweckentfremdung dem neuen Träger für einen Neubau übergeben werden.
Was aus dem Heim wird, nachdem es privatisiert und geschlossen sein wird, ist unklar. Klar hingegen ist, daß es auf einem sehr großen Areal in bester Umgebung steht und eigentlich renoviert werden müßte.
Die Mitarbeiter/innen werden, so sichert die Stadt zu, übernommen, doch für wie lange, ist ungewiß.
Die größte Härte ist bei einem Umzug mit Sicherheit für die Bewohner/innen zu erwarten. Sie leben seit Jahrzehnten, vielleicht ihr ganzes Leben lang, in diesem Viertel, kennen sich aus... Sie würden herausgerissen und in die gesellschaftliche Isolation gedrängt. Am neuen Ort neue Kontakte aufzubauen fällt ihnen unendlich schwer. Menschen brauchen aber Lebensinhalte, sonst vereinsamen sie, werden "tüdelig" oder depressiv. Der Urgroßvater, dem das mühsame Kartoffelschälen abgenommen wurde, baute schnell ab und verstarb; die Großmutter die - wie früher - jeden Morgen um 5 Uhr in den Stall lief, wurde "tüdelig" und kam ins Pflegeheim, weil eines Tages der Stall abbrannte und nicht wieder neu errichtet wurde.
Was also wird aus dem alten Herrn, der nichts mehr liebt, als sich zum Pausenhof der Grundschule zu begeben, um sich am sorglosen Spielen und Toben der Kinder zu erfreuen? Was aus der Dame aus dem Heim, die jeden Mittwochnachmittag zu ihren Bekannten im Grenadierweg geht, um Kanaster oder Romme zu spielen? Was bringt ihnen die "bessere Unterkunft" von der die NWZ schreibt? Sind ein menschliches Miteinander und qualifizierte Pflege nicht viel wichtiger für alte Menschen als moderner Wohnkomfort?
Anscheindend haben weder Oberstadtdirektor Wandscher, noch diejenigen, die die Schließung befürworten, daran auch nur einen Gedanken verschwendet, geschweige denn, sich in deren Lage versetzt oder sie befragt... Welch ein trauriges Bild für diese Stadt.
muh
Das Altersheim Schützenweg darf nicht geschlossen werden!
120 alte Menschen, unsere Nachbarn, Verwandte und Freunde sollen aus ihrer angestammten Umgebung, unserem Stadtteil Haarentor, herausgerissen werden, weil die Stadt Oldenburg ihr einziges Altersheim am Schützenweg aufgeben will. Das nehmen wir nicht hin! Alte Menschen sind keine Manövriermasse, über deren Köpfe hinweg entschieden werden kann. Wir erklären uns mit unseren MitbürgerInnen, die seit 50 Jahren am Schützenweg wohnen, solidarisch und ergreifen mit ihnen unsere Stimme:
Wir fordern die Stadt Oldenburg auf, zu ihrer Verantwortung allen MitbürgerInnen gegenüber zu stehen und die Altenbetreuung nicht gänzlich privaten Trägern zu überlassen.
Wir fordern die Stadt Oldenburg auf, das Altersheim Schützenweg zu erhalten und etwas mehr Phantasie zu entwickeln, wie das Heim renoviert werden kann. Was ist das für ein Stadtrat, der eingestehen muß, daß für die Pflege alter Menschen kein Geld zur Verfügung steht"
Wir fordern die Stadt Oldenburg auf, das Altersheim Schützenweg, das seit über 100 Jahren zum Stadtteil gehört und ihn geprägt hat, bestehen zu lassen. Wir wissen nicht, was Sie mit dem Grundstück vorhaben, was es auch ist, Sie verletzen damit Haarentorer Interessen und Gefühle
Name, Adresse, Unterschrift
(ausfüllen im Stachel möglich)
Coupon ausfüllen und einsenden an Aktionskreis Haarentor ("Altenheim Schützenweg"), Torsten Kramer, Pionierweg 2, 26129 OL